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Parlamentsgebäude, Bundesplatz 3

Ein Sinnbild des jungen Bundesstaates

Die Baugeschichte des Parlamentsgebäudes begann 1854, als der Bund das alte Casino von der Stadt Bern erwarb und die Stadt gleichzeitig verpflichtete, den Platz vor dem neuen Parlamentsgebäude auf alle Zeiten frei zu halten. Sechs Jahre nach Baubeginn konnte am 11. April 1900 die Aufrichte gefeiert werden. Am 1. April 1902 wurde das neue Wahrzeichen des Bundes und das bedeutendste Gebäude der neuen Stadtsilhouette Berns feierlich eingeweiht.

Kuppelsaal
Kuppelsaal nach der Restaurierung. Bild: BBL, Alexander Gempeler, 2008

Um 1900 stand die Architektur in ganz Europa an einem Wendepunkt. Der Historismus als Baustil des 19. Jahrhunderts, inspiriert von der Architektur der Renaissance und des Barocks, erhielt immer zahlreichere Anfeindungen. Jugendstil und Reformarchitektur waren die Leitformen des frühen 20. Jahrhunderts für die fortschrittlichen Architekten. Das Parlamentsgebäude jedoch, seit 1885 geplant und zwischen 1894 und 1902 erbaut, stand noch mehrheitlich unter dem Einfluss der traditionellen Architekturgestaltung des19. Jahrhunderts, in dessen Umfeld der entwerfende Architekt Hans Wilhelm Auer (1847–1906) seine Ausbildung erhalten hatte. Dennoch lassen sich bereits feine gestalterische Nuancen erkennen, die von Auers langjähriger Tätigkeit in Wien zeugen. Die mächtige Hauptkuppel über der zentralen Halle kann wohl als grösste gestalterische Mutprobe bezeichnet werden. Im Innern überrascht die vielfältige künstlerische Ausstattung. Die grossen Glasfenster und die monumentalen Wandbilder in den Ratssälen repräsentieren das zeitgenössische künstlerische Schaffen im frühen 20. Jahrhundert.

Das ausgehende 19. Jahrhundert erscheint als Spätphase einer Epoche, in welcher der 1848 gewissermassen durch «Zweckheirat» vereinte Bundesstaat seinen Willen zur Selbstbehauptung in zahlreichen öffentlichen Bauaufgaben zum Ausdruck brachte. Die Architektur der Postbauten, Bahnhöfe und Verwaltungsgebäude jener Zeit wurde zum steinernen Sinnbild für den jungen, selbstbewussten Staat und zu einem bedeutenden architektonischen Mittel der Identifikation für die verschiedenartigen religiösen, sprachlichen und kulturellen Interessen. Das neue Parlamentsgebäude von 1902 bildete dabei gewissermassen Höhepunkt und Abschluss dieser langen Reihe von neuen Bundesbauten.

Auf Grund der verwendeten verschiedenartigen Baumaterialien und seiner reichen Ikonografie kann das schweizerische Parlamentsgebäude als weltweit einmalig bezeichnet werden.

Aussenansicht
Ansicht vom Bundesplatz nach der Eröffnung 1902. Bild: Burgerbibliothek Bern

Erste Gesamtsanierung seit 1902

Die in diesen Jahren ausgeführten Arbeiten hatten ihre Wurzeln in ersten Umbauten kurz nach 2000. Im Anschluss an das Attentat im Zuger Kantonsparlament am 27. September 2001 erliess der Bund verstärkte Sicherheitsvorschriften für den Zugang zu den Bundeshäusern. Dies führte zu ersten Gesprächen zwischen dem Bund als Eigentümer und der Denkmalpflege über die Möglichkeiten des Einbaus von Sicherheitsschleusen. Im Herbst 2003 wurden nach Prüfung mehrerer Varianten so genannte Vereinzelungsanlagen eingebaut (Durch Drehtüren wird sichergestellt, dass das Gebäude nur durch jeweils eine Person mit Ausweis betreten werden kann.). Bei den Zugängen zu den Tribünen, die neu ebenfalls einer verstärkten Zugangskontrolle unterlagen, stimmte die Denkmalpflege einem auf vier Jahre befristeten provisorischen Pavillon im Hof zwischen dem Bundeshaus Ost und dem Parlamentsgebäude zu.

Eine entscheidende Wende bei der Suche nach einem neuen Besucherzugang trat ein, als sich die Bauherrschaft zu einem Umbaukonzept für das ganze Gebäude entschloss. Die nun vorgesehene südseitige Zugangssituation war der Bauherrschaft von der Denkmalpflege bereits seit 2002 nahe gelegt worden, scheiterte aber jeweils an den bestehenden Nutzungen. Erst mit dem Gesamtkonzept von 2004 wurde der Grundstein gelegt für eine intensive und äusserst erfolgreiche Zusammenarbeit über viereinhalb Jahre Planung und Baubegleitung zwischen Bauherrschaft, Aebi & Vincent Architekten und Denkmalpflege. Am 21. November 2008 fand die feierliche Wiederinbetriebnahme des Gebäudes statt. 

Die seit 2004 geplanten und zwischen 2006 und 2008 ausgeführten Arbeiten stellen die erste Gesamtsanierung in der über 100-jährigen Geschichte des Parlamentsgebäudes dar. Die ausgeführten Arbeiten werden nachfolgend nach räumlichen Baugruppen zusammengefasst:

Die Kuppeln

Die Sanierung der drei Kuppeln wurde als erste bauliche Massnahme in Angriff genommen. Die Untersuchungen zur Frage eines allfälligen Ersatzes der Originalbleche von 1902 waren beruhigend. Die in aussergewöhnlicher Dicke von 0.8 mm eingebauten Kupferbleche wurden von den hinzugezogenen Fachpersonen als erstaunlich gut bezeichnet. Reparaturbedürftig erwiesen sich nach einer Analyse, die vor Ort mit Hilfe eines Pneukrans erfolgte, nur wenige Elemente. Das Sanierungskonzept der Kuppeln sah folgende Massnahmen vor: Reparatur der Hauptkuppel und der Nebenkuppel West sowie teilweise Neueindeckung der Nebenkuppel Ost, Restaurierung der vorhandenen und Ersatz der fehlenden Ornamente, Ersatz sämtlicher Traufbleche und Steinabdeckungen. Damit die Einheit der drei Kuppeln erhalten blieb, wurden alle dort zu ersetzenden Kupferbleche vorpatiniert; in blankem Kupferblech wurde hingegen die untere Traufrinne ausgeführt. Das vertraute Bild der grünen Bundeshauskuppeln – ein Zustand, der sich in der Zwischenkriegszeit eingestellt hatte – wäre beim Ersatz der Bleche empfindlich gestört worden.

Die Laboranalyse wies zudem nach, dass seinerzeit «geglühtes» Kupfer eingebaut worden war, das nach damaligem Wissen den Patinierungsprozess erheblich beschleunigte. Eine ergiebige Diskussion entspann sich zur Frage der Restaurierung beziehungsweise Rekonstruktion der originalen Vergoldung, die sich bei allen drei Kuppeln einwandfrei nachweisen liess, jedoch im Lauf der Zeit durch Verwitterung grösstenteils abgetragen war. Schliesslich entschied sich die zuständige Verwaltungsdelegation des Eidgenössischen Parlaments für die Wiederherstellung der Vergoldung im Originalbestand. Die sofort in Angriff genommenen Arbeiten umfassten folgende Schritte: Reinigen, Entfetten und Aufrauhen der Unterlage, Grundierung auf Epoxibasis, gelber Grundanstrich mit Langöl und schliesslich Vergoldung mit Blattgold Rosenobel-Doppelgold 23¾ Karat extra stark.

Hauptkuppel
Vergolden der Hauptkuppel. Bild: Aebi & Vincent Architekten, Thomas Telley, 2007

Die Aussenbeleuchtung

Eine intensive Diskussion löste die Erneuerung der Aussenbeleuchtung aus, die das bereits vorhandene nächtliche Kunstlicht am Bundesplatz ergänzt. Die vor einigen Jahren durch die Stadt installierte Gesamtbeleuchtung des öffentlichen Raums vermochte im Bereich des Parlamentsgebäudes nicht zu befriedigen. Im Vordergrund stand deshalb der Leitgedanke, die Nordfassade des bedeutendsten Bundesgebäudes mit einem gleichmässig Lichtschimmer zu überziehen.Zur Akzentuierung der Plastizität der Nordfassade wird der leicht vortretende Mittelrisalit heute stärker angeleuchtet als die beiden Seitenrisalite. Die weiter bestehende, nur punktuell wirksame Strassenbeleuchtung stellt in diesem Gesamtzusammenhang nun eine Beeinträchtigung dar. Das neue, von den Architekten in Zusammenarbeit mit einem Lichtplaner entworfene Beleuchtungskonzept orientiert sich stark an den Überlegungen des Architekten Hans Wilhelm Auer, bei welchen auch das Innenlicht in die Wirkung des Baus mit einbezogen worden war. Die nächtliche Beleuchtung des Ständeratssaals ist heute wieder integrierender Bestandteil der Aussenbeleuchtung und die drei Kuppeln, insbesondere die Laterne der Hauptkuppel, sollen – wie schon in Auers Vorstellung – mit ihrem Licht «ins ganze Land hinaus leuchten».

Der neue Besucherzugang

Der neue Zugang entstand auf der den Alpen zugekehrten Südseite unter dem Nationalratssaal. Architekt Auer hatte dort 1902 eine repräsentative Arkadenreihe erbaut. Für das Publikum waren die Räume auf dieser Seite, ein Geschoss unter dem Niveau des Haupteingangs am Bundesplatz, seit der Eröffnung des Gebäudes jedoch nicht nutzbar, da hier die gesamte Technik angeordnet worden war. 

Die Idee zur Schaffung eines neuen Besucherzugangs konnte nach vertieften Abklärungen in eine taugliche bauliche Lösung überführt werden. Sehr früh in der Planungsphase wurde der Gedanken eines «baulichen Befreiungsschlags» in diesem Gebäudebereich entwickelt: Die Technik kam in neu geschaffene Räume unter das Niveau der Bundesterrasse und anstelle der alten Technikzentrale entstand der neue Besuchereingang auf der Ebene der südlichen Arkaden. Vom dort erreichen die Besuchenden die Kuppelhalle über eine neue, gleichsam schwebende Treppenanlage.

Neuer Besucherzugang
Neuer Besucherzugang. Foto: Aebi & Vincent Architekten; Thomas Telley, 2008

Sowohl Gestaltung als auch Materialisierung dieses 2008 neu eröffneten Besucherzugangs repräsentieren den in Zusammenarbeit zwischen Denkmalpflege, Bauherrschaft und Architekten entwickelten Umgang mit Alt und Neu: Die neuen Bauteile sind in ihrer Konzeption und Konstruktion sowie in ihrer Materialisierung und Gestaltung aus dem Altbestand abgeleitet. So bezieht der im neuen Besucherzugang verwendete Stützenraster seine Fünfteiligkeit aus dem Gebäude, der Stuck von 1902 wurde zum Stuckmarmor an den Wänden des neu gestalteten Raums, das Material der Bodenplatten entspricht demjenigen beim alten Zugang auf der Nordseite und die Türen sind zwar modern gestaltet, erscheinen indessen in traditioneller Weise als doppelflüglige Türen mit Leibung, sind also keine «Löcher in der Wand». Der Sandstein von 1902 wandelte sich 2008 zum weissen Sichtbeton, der – wie beim historischen Sandstein – mit präzis gestalteten Fugen eine anspruchsvoll gestaltete Oberfläche erhielt.

Die Kuppelhalle und die Vertikalerschliessung

In der Kuppelhalle fanden zahlreiche restauratorische Arbeiten statt, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind: Zunächst wurde mit Wasserdampf und Naturschwämmen der Schmutz und die Nikotinablagerungen eines ganzen Jahrhunderts von den Wänden und Gesimsen abgewaschen, was der Halle ihr helles Erscheinungsbild aus der Bauzeit zurückgab. Mit dem Einbau von drei grossen Leuchten und der Neugestaltung der Beleuchtung in den Seitenhallen nach historischem Vorbild konnten die Lichtverhältnisse aus der Eröffnungszeit weitgehend wiederhergestellt werden. Die Entfernung der später eingebauten Wände hinter den Glasfenstern im dritten Obergeschoss gab der Verglasung in den Lünetten zudem ihr Tageslicht zurück. Mit dem Ersatz des Teppichs und der Neufassung der Wände im originalen Rotton, konnte das Erscheinungsbild wieder weitgehend dem bauzeitlichen Zustand angenähert werden.

Die Neukonzeption der Vertikalerschliessung hatte eine bessere Anbindung des dritten Obergeschosses zum Ziel. Die zwei historischen Wendeltreppen in der Kuppelhalle wurden auf dem gleichen Grundriss in die dritte Etage verlängert. Gleichzeitig erhielten sie neue, vollständig verglaste Lifte als Ersatz für die Aufzüge aus der Zeit um 1960. Die Kabinen mit kreisrunder Verglasung, Türöffnungen auf drei Seiten sowie Führungsschienen auf der vierten, öffnungslosen Seite, konnten ohne Substanzverlust ins Auge der originalen Wendeltreppe eingebaut werden. Diese technische Meisterleistung in der durch den früheren Umbau statisch geschwächte Treppenanlage gelang nur mit Hilfe eines Eins-zu eins-Modells und Belastungsversuchen. Ein spiralförmig sich nach oben windendes Stahlband trägt nun die einzelnen Treppenstufen und bildet das statische Stabilisierungssystem für die sich lautlos bewegenden Glaskabinen.  

Lift in der Kuppelhalle
Lift in der Kuppelhalle. Bild: Aebi & Vincent Architekten; Thomas Telley, 2008

Einer besseren Anbindung des dritten Obergeschosses dient die Verlängerung der bestehenden seitlichen Treppenhäuser auf der West- und Ostseite. Dort kam die Fortsetzung aber nicht als direkte Verlängerung der alten Treppe zu liegen, sondern sie wurde um eine Achse verschoben angeordnet, da die bestehenden Treppen nicht ohne grosse Beeinträchtigung der räumlichen Gestaltung ins oberste Geschoss verlängert werden konnten.

Die alten Zuluftschächte von 1902 im Bereich des Nationalratssaals eigneten sich in idealer Weise für den Einbau von zwei zusätzlichen Liften, die vom neuen Besucherzugang im Tiefparterre bis ins dritte Obergeschoss führen.

 

Die Säle und Innenräume

Im Nationalratssaal kamen mehrere restauratorische Anliegen als Teile eines Gesamtpakets zur Ausführung die den Saal in gestalterischer und akustischer Hinsicht stark aufwerteten. So wurden durch die originalen Wandfarben wiederhergestellt, die Nationalratspulte und -stühle gereinigt und restauriert sowie die alte, optisch schwerfällige Lautsprecheranlage ersetzt. Die einzigen in der Schweiz noch erhaltenen originalen Parlamentspulte wurden um etwa vier Zentimeter angehoben und mit technischen Anschlüssen ausgestattet, die ledernen Schreibunterlagen restauriert oder ersetzt und die Oberflächenbehandlung der Möbel erneuert. Die ebenfalls noch vorhandenen Originalstühle wurden nach ergonomischen Gesichtspunkten den heutigen Bedürfnissen angepasst und restauriert. Der Boden erhielt einen neuen Teppich im Ton des ursprünglichen Linoleumbelags. Zu einer weiteren Verbesserung der Akustik führten zahlreiche verdeckt eingebrachte Dämmstoffe , etliche Verbesserungen auf den Zuschauertribünen sowie die neue Bespannung der Tribünengeländer und die Entfernung der Kunstlederkissen bei den Rückenlehnen der Ratsstühle.

Bei der Mehrzahl der Innenräume (Besprechungs- und Kommissionszimmer) konnte der historisch belegte Zustand wiederhergestellt werden, sehr oft sogar mit den originalen Materialien. In allen Sitzungszimmern und Büros wurden die Parkettböden restauriert und durch Entfernen späterer Teppiche wieder sichtbar gemacht. Die verschiedenartigen Wandoberflächen (vor allem Tapeten) sowie die kunstvoll aus Holzkassetten zusammengefügten oder mit Stuck und Malereien ausgeschmückten Decken konnten weitgehend restauriert oder rekonstruiert werden.

Konferenzzimmer
Konferenzzimmer. Bild: BBL, Alexander Gempeler, 2008

Auch die beiden Garderoben zum Ständeratssaal erhielten wieder ihre ursprüngliche Raumhülle, da unter den Gipsdecken der 1960er-Jahre Kreuzgewölbe mit Malereien zum Vorschein kamen. Die fehlenden Kapitelle konnten anhand eines auf dem Estrich aufbewahrten Originals rekonstruiert und die ursprünglichen Holzoberflächen ergänzt werden. Nach eingehender Abwägung und auf Antrag der Denkmalpflege wurden in diesem Raum die beiden ursprünglichen Glasfenster von 1902 mit Jugendstilmotiven von Christian Baumgartner, die gezielt auf die vorhandene Raumwirkung hin erstellt worden waren, wieder eingebaut. Zusammen mit den restaurierten Decken und Wänden konnte auf diese Weise die ursprüngliche Raumfassung schlüssig wiederhergestellt werden.

Die Galerie des Alpes im Erdgeschoss, ursprünglich Arbeitsraum und Bibliothek für die Parlamentarierinnen und Parlamentarier, erlebte in ihrer 100-jährigen Geschichte mehrere Veränderungen. Im letzten Zustand vor dem Umbau war der Raum zu einem eigentlichen Mehrzweckraum verkommen. Mit dem Einbau des neuen Restaurants für die Ratsmitglieder und Parlamentsdienste erhielt er wieder eine seiner Gestaltung angemessene Bedeutung. Die originalen Holzverkleidungen auf der Aussenseite und an der Decke konnten ihrem natürlichen Holzton angenähert, die fehlenden Holzzapfen der Ausstattung von 1902 indessen nicht rekonstruiert werden. Die aus neuerer Zeit stammenden historisierenden Leuchter wurden belassen und mit neuen Gläsern ausgestattet.

Das bisher als Café Vallotton bezeichnete Zeitungszimmer von 1902 befindet sich im ersten Obergeschoss am östlichen Ende der Haupttreppe in der Kuppelhalle. Im Laufe der Jahre war der 1938 zur Cafeteria umgebaute Salon mit abgehängter Metall- und Holzwerkstoffdecke und wertlosem Mobiliar ausgerüstet worden und dadurch gestalterisch zu einem Fremdkörper in der Beletage verkommen. In dem wiederum als Café-Bar eingerichteten Raum konnte der Bestand mit Hilfe restauratorischer Sondierungen weitgehend erschlossen werden.Die ursprüngliche Tapete mit einem dem Jugendstil verpflichteten Mohnblumen-Motiv und kräftigen Bordüren wurde nach Befund in Siebdrucktechnik wieder hergestellt, aus akustischen und konservatorischen Gründen jedoch auf einem vor die Wand gespanntenVlies aufgezogen. Die in den 1960er-Jahren entfernten Türgewände beim Haupteingang und die Fenster wurden nach Befund rekonstruiert. Die Malereien an der Decke wurden nach vorgefundenen Belegen wieder aufgemalt. Der neu gehängte, zwei Meter hohe Leuchter von 1906 stammt aus dem Kunsthandel.

Das dritte Obergeschoss, ursprünglich als grosse Reservefläche konzipiert, war beim Bau 1902 mit untergeordneten und temporären Nutzungen belegt worden, weshalb diese Räume auch nur über zwei seitliche, relativ enge Steintreppen erschlossen waren. Im Laufe der Zeit erhielt das Dachgeschoss allerdings immer mehr Funktionen zugewiesen. Zuletzt waren alle Medienleute, Radio- und Fernsehstudios sowie einige Fraktionsbüros dort untergebracht. Die Gestaltung der letzten Jahre musste als respektlos bezeichnet werden. Durch den Umzug der Presse ins neue Medienhaus an der Bundesgasse 8–12 konnte das gesamte dritte Obergeschoss für die Fraktionen und zu Sitzungszwecken umgebaut werden. Die bestehenden Gangzonen mit ihren Wänden wurden zurückgebaut, so dass die vier grossen Bogenfenster mit Glasmalereien auf die Kuppelhalle wieder sichtbar wurden. Neu eingebaut wurden Oblichtbänder in den Decken entlang den Aussenfassaden, die den bisher nicht mit Tageslicht versorgten Räumen heute einen Sichtbezug nach aussen und eine neue Orientierung verleihen, unter anderem mit einem Blick auf die grossen Figuren auf der Dachbalustrade und die Kuppeln. Das Fernsehstudio aus den 1960er-Jahren wurde rückgebaut und durch einen neuzeitlich gestalteten grossen Konferenzraum ersetzt. Unter den kleinen Kuppeln entstanden neu gestaltete Sitzungsräume.

Konferenzsaal 3. OG
Neuer Konferenzsaal im 3. Obergeschoss. Bild: BBL, Alexander Gempeler, 2009

Das vom Architekten entworfene Konzept für den Innenausbau im dritten Obergeschoss beruft sich weitgehend auf historische Gestaltungsprinzipien und Materialien. Parkett- und Steinplattenböden sowie Wandgestaltungen mit der roten Farbe aus der Kuppelhalle nehmen Bezug auf die unteren Geschosse. Die modernen Türen sind auf Grundlage der historischen Vorbilder mit Rahmenfutter und mit zwei Türblättern entworfen, die Anordnung der Räume ergibt sich aus dem Grundriss des Hauses.

Haustechnik, Beleuchtung und Brandschutz

Mit elektrischem Licht und Zentralheizung gehörte die Haustechnik bei der Eröffnung des Parlamentsgebäudes 1902 zu den modernsten in Europa. Nach unzähligen Einzelmassnahmen und Erneuerungen in den hundert Jahren seit der Bauvollendung erhielten die gesamten technischen Einrichtungen eine umfassende Neukonzeption. Neben der Verlegung der Technikzentrale für Heizung und Lüftung in den neu geschaffenen Raum unter dem Besucherzugang erlaubte die Gesamtsanierung eine generelle Entrümpelung der Räume bezüglich ihrer technischen Ausrüstung.

Die Beleuchtung wurde in zahlreichen Räumen nach historischen Vorlagen wieder hergestellt.Die zentrale Kuppelhalle erhielt gemäss dem ursprünglichen Konzept von Auer erneut drei grosse Pendelleuchten, welche die seinerzeit inszenierte Lichtqualität rekonstruieren. In den Seitenkorridoren der Kuppelhalle wurden die Deckenleuchten im Sinne der originalen Beleuchtungskörper erneuert. Die grossen Oberlichter über den Seitenhallen im dritten Geschoss konnten von allen Einbauten befreit werden, so dass wieder natürliches Licht durch die Bogenfenster in die Kuppelhalle fällt. Auch die ursprünglich vorhandenen Glasoberlichter in der Decke über dem zweiten Obergeschoss zur Beleuchtung der Zugänge zu den Zimmern 286/287 und den Podesten vor den Seitentreppen konnten neu erstellt werden.

Zu einem wichtigen Bestandteil des Umbaus entwickelten sich die Massnahmen des Brandschutzes. In diesem Bereich bestand grosser Nachholbedarf, kannte doch der ursprüngliche Bau von 1902 keine Vorkehrungen gegen Feuer. Schliesslich konnte eine allseits befriedigende Lösung gefunden werden, die sich aus baulichen und organisatorischen Massnahmen zusammensetzt, welche die wertvolle Substanz nur partiell betraf. Speziell entwickelt wurde dabei unter anderem das Aufschneiden von Teilen historischer Türen mit anschliessendem Einbau einer feuerhemmenden Textilschicht. Mit dieser Massnahme konnten sowohl die ursprünglichen Türblätter als auch ihr Erscheinungsbild auf beiden Seiten erhalten werden.

Würdigung der Arbeiten aus denkmalpflegerischer Sicht

Die Umbauten und Renovationen der letzten hundert Jahre widerspiegeln – im Parlamentsgebäude wie andernorts – den jeweiligen Zeitgeist der Architektur und die entsprechende Haltung der Denkmalpflege. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde historisierend restauriert, ergänzt oder sogar weitergebaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden bauliche Neuerungen im jeweils aktuellen Stil. Unter der Leitung des in den 1990er-Jahren tätigen Denkmalpflegers für bundeseigene Bauten wurde der Baubestand nach den Leitlinien der rekonstruierenden Denkmalpflege erneuert oder ergänzt.

Die neusten Umbaumassnahmen standen erstmals in einem ganzheitlichen Rahmen, bei dem Denkmalpflegekonzepte und Architekturgestaltung zu einem geordneten Einklang fanden. An erster Stelle stand bei jeder baulichen Massnahme die Analyse des historischen Bestands. So konnten die Originalfarben mit Analysen und Farbvergleichen in jedem Fall bestimmt werden. Diese waren ursprünglich kräftiger als die vorgefundenen, weshalb der originale rote Farbton der Haupthalle in historischem kräftigem Rot erneuert wurde. Bei der Ausführung aller Arbeiten bildete die konservatorische Erhaltung und Pflege der Originalsubstanz die oberste Leitlinie. Mit subtilen Eingriffen, wie beim Mobiliar oder der Wandgestaltung im Nationalratssaal, oder mit technisch-ästhetischen Meisterleistungen, wie beim Lifteinbau in die Wendeltreppen, konnten bemerkenswerte Komfortsteigerungen unter Schonung der historischen Substanz erreicht werden. Notwendige Ergänzungen und Hinzufügungen zu den Originalen, wie die neuen Türen vom Besuchereingang in die Haupthalle, wurden unter dem gestalterischen Aspekt des Gesamtensembles geplant und ausgeführt. Jede dieser Massnahmen wurde als Teil eines grossen Puzzles verstanden, bei dem das Gesamtbild nicht durch unpassende Auffälligkeiten beeinträchtigt werden durfte.

Südansicht
Südansicht des Parlamentsgebäudes. Bild: Aebi & Vincent Architekten; Thomas Telley, 2008

Die architektonische Gestaltung der neuen Räume, beispielsweise des Besuchereingangs oder des dritten Obergeschosses, orientierte sich am historischen Bestand. Mit der formal reduzierten Sprache der neuen Gebäudeteile und Einbauelemente bezeugten die Architekten den klaren Willen zur Akzeptanz der von Hans Wilhelm Auer vorgegebenen Prinzipien der Gestaltung für Materialien und Farben. In der Kuppelhalle stammen die meisten Natursteinböden aus der Schweiz, weshalb auch der neue Besucherzugang einen solchen Natursteinboden erhielt. Die neuen Räume im dritten Geschoss erhielten, nach dem Vorbild des gesamten Baus, Steinböden in den Seitenhallen und Treppen sowie Parkettböden in den Sitzungszimmern und Büros. Die Erscheinung der neuen Böden erinnert an die alten Böden in den unteren Geschossen, in ihrer Gestaltung offenbaren sich jedoch teils überraschende Spielformen, beispielsweise mit der Form des Schweizer Kreuzes. Alle neu gestalteten Wandbeläge (Täfer, Tapeten, Farbanstriche) wurden aus dem historischen Bestand abgeleitet, bei dem je nach Bedeutung der Geschosse und der Räume unterschiedliche Ausführungen mit verschiedenartigen Zierformen auszumachen sind.

Das beim Umbau des Parlamentsgebäudes zwischen Bauherrschaft, Architekten und Denkmalpflege definierte Prinzip des Weiterbauens im historischen Kontext ist als mustergültig zu bezeichnen. Alle Entscheidungen wurden auf der Basis einer «Lektüre» des vorhandenen Originals vom Architektenteam vorbereitet und in allen Konsequenzen zwischen den beteiligten Partnern besprochen. Das Resultat war stets ein Konsens und ein hohes Qualitätsniveau bei der Ausführung. Aus Sicht der Denkmalpflege gebühren sowohl der Bauherrschaft als auch dem Architektenteam für das grosse Einfühlungsvermögen in die Bau- und Gestaltungsprinzipien des bedeutendsten Verwaltungsbaus der Schweiz grösste Anerkennung.

Denkmalpflegerische Betreuung und Text: Roland Flückiger.

Der hier publizierte Text ist eine gekürzte Fassung der Würdigung, die im Vierjahresbericht 2005-2008 der Denkmalpflege erschienen ist.

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