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Schulhaus Wankdorf, Morgartenstrasse 2

 

Ein Baudenkmal der Nachkriegszeit

Schutz und Pflege der Baudenkmäler früherer Jahrhunderte werden in der Bevölkerung heute breit akzeptiert. Auch das bauliche Erbe der Moderne der Zwischenkriegszeit wird zunehmend und weit über das Fachpublikum hinaus geschätzt. Dies gilt jedoch nicht für die Bauten der Nachkriegszeit. Dass ein Bauwerk der 50er-, 60er- oder sogar der 70er-Jahre ein Baudenkmal sein soll, stösst bei Vielen auf Unverständnis. So wurde beispielsweise das Wankdorffeld-Schulhaus in der Debatte, die der Volksabstimmung 1996 über den Sanierungskredit vorausging, als "Bauruine aus den 50er-Jahren" bezeichnet, und es wurde die Frage aufgeworfen, ob es nicht besser abgerissen werden sollte. Doch wie jede frühere Epoche hat selbstverständlich auch die neuere Architektur ihre typischen Zeitzeugen, ihre Bauten von besonderem kulturellem, historischem oder ästhetischem Wert. Die Schulanlage Wankdorffeld ist dafür ein schönes Beispiel. Sie ist ein besonders qualitätvoller Zeuge für den Übergang von der unmittelbaren Nachkriegsarchitektur, die noch in mancher Hinsicht vom kulturellen Umfeld der Kriegszeit geprägt ist, zu einer neuen Perspektive des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Öffnung auf das internationale Geschehen.

Das Wettbewerbsmodell

Architekturgeschichtliche Einordnung

Aus einem 1956/57 unter den Stadtberner Architekten durchgeführten Wettbewerb gehen die beiden noch nicht 30-jährigen Architekten Marcel Mäder und Karl Brüggemann als Sieger hervor. Sie verkörpern die gegenüber den 'grossen Namen' der Nachkriegsarchitektur um ein Jahrzehnt jüngere Generation. Ihr Entwurf sagt sich los von der für die Architektur der 50er-Jahre typischen, durch die Kriegszeit bedingten Beschränkung und markiert den Aufbruch in die 60er-Jahre. Der auf das Nationale und Regionale gerichtete Blick weitet sich auf die internationale Architektur. Unbestrittenes Vorbild dieser Zeit sind die Bauten und Projekte Le Corbusiers. Eine wichtige Rolle in der Fachdiskussion dieser Jahre spielen zudem die grossen Projekte in Brasilien, insbesondere der Entwurf der neuen Hauptstadt Brasilia von Lucio Costa und Oscar Niemeyer, der sich bereits in Realisierung befindet. Im schweizerischen Umfeld nicht zu verkennen ist der Einfluss des bahnbrechenden, aus einem Wettbewerb von 1954 hervorgegangenen, 1956-1960 erbauten Gymnasiums Freudenberg in Zürich des späteren ETH-Professors Jacques Schader.

Das Bauprojekt

Das Siegerprojekt bewältigt das in geometrischer Hinsicht schwierige, dreieckige Baugelände in überzeugender Weise. Die in vier Trakte aufgeteilte Gesamtanlage richtet sich in ihrer Geometrie auf die parallel zur Winkelriedstrasse in West-Ost-Richtung verlaufende Morgartenstrasse aus. Die vier Gebäudeteile, die windmühlenartig einen quadratischen Pausenhof umschliessen, sind funktional aufgeteilt: Der dreigeschossige nördliche Trakt enthält das Mittelschulhaus mit 20 Klassenzimmern und den entsprechenden Spezial- und Nebenräumen, der zweigeschossige, senkrecht dazu angeordnete Trakt mit teilweise freiem Erdgeschoss beherbergt die Räume für die Hauswirtschaft, die Hauswartwohnung sowie einen Hortraum, der später die Volksbibliothek aufnehmen soll. Im Süden begrenzt die ebenfalls zweigeschossige Primarschule mit 14 Klassen den Hof und den östlichen Abschluss bildet der Turnhallen- und Garderobentrakt. Während die Mittelschule, der Hauswirtschaftstrakt und die Turnhallen in einer ersten Etappe gebaut und 1961 bezogen werden, wird der Bau der Primarschule aufgeschoben und einer zweiten Etappe zugewiesen. Tatsächlich kommt er nie zur Ausführung. An seiner Stelle steht heute das 1969-1972 vom gleichen Büro errichtete und 1982 um einen Stock auf vier Vollgeschosse erhöhte Gebäude des Abendtechnikums, das durch seine Höhendimension die Gesamtanlage beeinträchtigt. Der Hauswirtschaftstrakt wird 1971 ebenfalls um einen Stock erhöht, was dem Verhältnis der verschiedenen Bauteile zueinander nicht zum Vorteil gereicht.

Die ausgeführte Anlage um 1961

Während die Gesamtdisposition der Anlage noch wichtige Elemente der 50er-Jahre, wie die Auflösung der grossen Baumasse des Raumprogramms zu einer Komposition von mehreren, grosse Aussenräume definierenden Gebäudetrakten übernimmt, orientiert sich die Gestaltung der Baukörper wieder stärker an der Architektur des Neuen Bauens der Zwischenkriegszeit. Der differenzierte, in der Regel verputzte Baukörper der frühen 50er-Jahre mit Flug- oder Satteldach weicht einfachen Kuben aus weiss gestrichenem Beton mit interessant proportionierten Fensterschlitzen. Die mehrfach in die Tiefe gestaffelten, stark reliefierten Fassaden werden durch flach wirkende, vor die Tragkonstruktion gesetzte Membranen ersetzt. Das Tragen und Lasten wird überspielt, die tragenden Teile (Stahlstützen) sind filigran ausgebildet, sodass die eleganten, horizontal gestreckten Baukörper über einem fast nicht vorhandenen Sockel zu schweben scheinen. Wichtige Partien, wie der Haupteingang im Kreuzpunkt der Gebäudetrakte, werden mit skulpturalen Mitteln, wie dem von einer Parabolwand begrenzten Eingangsvorbau, den mit kleinen Schartenfenstern gelochten Wänden und dem balkonartig vorspringenden Attikaaufsatz, ausgezeichnet.

Der skulptural gestaltete Haupteingang

Die Sanierung

Im Unterschied zu den Veränderungen der frühen 70er-Jahre, welche die räumlichen Qualitäten des Wettbewerbsprojekts schmälern, wurde die nun abgeschlossene Sanierung mit Sorgfalt und Respekt gegenüber dem Baudenkmal durchgeführt. Wichtigstes Thema der Denkmalpflege war die Sanierung der weiss gestrichenen Betonfassaden. Eine Aussenisolation mit Metallverkleidung blieb dem Gebäude glücklicherweise erspart. Das Verfahren für die Betonsanierung hatte sowohl hohen ästhetischen wie materialtechnischen Anforderungen zu genügen. Mittels grossflächiger Muster konnte nach ausführlichen Diskussionen eine optimale Ausführungstechnik festgelegt werden. Die für das Erscheinungsbild wichtige, durch die Holzschalung geprägte Struktur der Oberflächen konnte teils beibehalten, teils rekonstruiert werden. Die Nachrüstungen und Reparaturen im Innern wurden zurückhaltend und unter weitgehender Wahrung des ursprünglichen Charakters der Räume vorgenommen. Nach abgeschlossener Sanierung ist die "Bauruine der 50er-Jahre" als Zeitzeuge und Baudenkmal der späten 50er-Jahre auferstanden.

Der westliche Pausenhof
Denkmalpflege
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