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Neubau repräsentativer Stadtpalais

Die reichen Familien nahmen die Zerstörungen des Stadtbrands zum Anlass, um anstelle älterer Wohnhäuser repräsentative Stadtpalais zu errichten.

Die Zerstörungen des grossen Stadtbrands von 1405 (Grosser Stadtbrand von 1405) hatten zur Folge, dass die Zahl der Wohnhäuser in Bern abnahm. Gleichzeitig kam es zu einer Steigerung des Wohnkomforts, was sich vor allem bei den wohlhabenden Ratsgeschlechtern in der Errichtung repräsentativer Steinhäuser und der wachsenden Zahl Dienstknechte und Mägde ausdrückte.[1] Diese gesteigerte Bautätigkeit nach dem Stadtbrand war Ausdruck des wachsenden Selbstbewusstseins der politisch und ökonomisch führenden Berner Familien, deren Vermögen seit der Mitte des 14. Jahrhunderts ständig zunahmen und die sich deshalb einen immer aufwändigeren Lebensstil leisten konnten (Vermögensstruktur der Stadtbevölkerung). Entsprechend ihrem wachsenden Repräsentationsbedürfnis waren die wohlhabenden Adels- und Kaufmannsgeschlechter darum bemüht, die Nachbarliegenschaften ihrer Sesshäuser zu erwerben, um die ursprünglich getrennten Grundstücke in einem grosszügigen Neubau zu vereinigen. Entlang der Kram-, Gerechtigkeits- und Marktgasse, aber auch an der oberen Junkerngasse entstanden auf diese Weise zahlreiche neue Steinhäuser, die im Verlauf des 15. Jahrhunderts anstelle älterer Holz- und Fachwerkhäuser errichtet wurden. Der Neubau dieser Steinhäuser geschah entsprechend den Richtlinien der nach dem Stadtbrand von 1405 erlassenen Bauvorschriften (Bauherrenamt). Diese verlangten eine einheitliche Ausrichtung der Wohnhäuser entlang einer durchgehenden Baulinie sowie den systematischen Bau von Brandmauern und Ziegeldächern.[2] Sämtliche neu errichteten Stadthäuser mussten zudem traufständig über einem zur Gasse hin offenen Laubengang errichtet werden, wobei Steinhäuser drei bis vier Geschosse, Holzhäuser jedoch höchstens drei Geschosse aufweisen durften.[3]

Das neue Stadtpalais der Familie von Diesbach kostet 3'000 Gulden

Das bekannteste Beispiel einer Zusammenfassung älterer Stadthäuser zu einem grossen Wohnhaus ist das von Ludwig von Diesbach um 1442 errichtete Eckhaus an der unteren Münstergasse.[4] Die Bau- und Ausstattungskosten bezifferte Diesbach selbst auf über 3‘000 Gulden.[5] Eine enorme Summe, wenn man bedenkt, dass ein gewöhnliches Steinhaus in Bern im 15. Jahrhundert zwischen 100 und 200 Gulden kostete.[6] Auch die Adelsgeschlechter von Bubenberg, von Erlach, von Rümlingen, vom Stein sowie die Herren von Neuenburg-Valangin liessen ihre Stadthäuser im 15. Jahrhundert anstelle verschiedener älterer Vorgängerbauten zu repräsentativen Stadtpalästen um- und ausbauen.[7]

Roland Gerber, 13.11.2011



[1]    Zu Bautätigkeit und Besitzgefüge spätmittelalterlicher Städte nach grösseren Pestepidemien vgl. Ernst Kelter: Das deutsche Wirtschaftsleben des 14. und 15. Jahrhunderts im Schatten der Pestepidemien, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 165 (1953), S. 183-195.

[2]    Roland Gerber: Öffentliches Bauen im mittelalterlichen Bern. Verwaltungs- und finanzgeschichtliche Untersuchung über das Bauherrenamt der Stadt Bern 1300 bis 1550 (Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern 77), Bern 1994, S. 38-42.

[3]    Nach einer Satzung vom Juli 1405 hatten die Fassaden der Holz- und Fachwerkhäuser jeweils 3½ Schuh (ca. einen Meter) hinter die Fronten der Steinhäuser zurückzutreten, wobei deren Firsthöhe höchstens 23 Schuh (ca. sieben Meter) betragen durfte; RQ Bern I/2, Nr. 253, S. 115.

[4]    Das spätgotische Stadthaus wurde zwischen 1716 und 1718 abgerissen und durch das heutige Gebäude Münstergasse Nr. 2 ersetzt. Vgl. dazu Kdm Bern II, S. 281-288.

[5]    Urs Martin Zahnd: Die autobiographischen Aufzeichnungen Ludwig von Diesbachs. Studien zur spätmittelalterlichen Selbstdarstellung im oberdeutschen und schweizerischen Raume (Schriften der Berner Burgerbibliothek 17), Bern 1986, S. 185.

[6]    Zu den Preisen von Stadthäusern im 14. Jahrhundert vgl. Ernst Bärtschi: Die Stadt Bern im Jahr 1353. Studie zu einem Zeitbild, in: Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern 42 (1954), S.50-52.

[7]    Urs Martin Zahnd: Bern im Spätmittelalter. Das städtische Umfeld des Münsters, in: „Machs na”. Materialien zum Berner Münster, Bd. 2, Bern 1993, S. 203-220, hier 205f.

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