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Pest und Seuchenzüge

Im 15. Jahrhundert konnten die Verluste der Pest- und Seuchenzügen nicht mehr durch eine verstärkte Zuwanderung vom Land kompensiert werden.

Einen wichtigen Faktor in der demografischen Entwicklung der Berns spielten seit der Mitte des 14. Jahrhunderts die verheerenden Pest- und Seuchenzüge.[1] Die Stadtbevölkerung wurde im Verlauf des 14. und 15. Jahrhunderts von mindestens zehn Seuchenzügen heimgesucht, die in den Jahren 1349, 1355, 1367, 1395, 1411, 1419, 1439, 1478/79, 1482/83 und 1493 auch in den übrigen Gebieten Mitteleuropas teilweise schwere Verluste an Menschenleben verursachten.[2] Während der Rat die Bevölkerungsverluste im 14. Jahrhundert noch weitgehend durch eine verstärkte Zuwanderung insbesondere von den angrenzenden Landgebieten (Verhältnisse auf dem Land) rasch wieder kompensieren konnte, blieben die verwaisten Herdstellen im 15. Jahrhundert zunehmend unbesetzt. Vor allem die zwischen 1478 und 1493 in rascher Folge auftretenden Seuchenzüge führten zu einem Rückgang der Bevölkerung, was das wirtschaftliche und soziale Leben der Stadt beeinträchtigte (Rückgang und Stagnation im 15. Jahrhundert).[3]

Pest als Strafe Gottes

In den überlieferten Schriftquellen finden sich trotz der Hunderten von Toten während eines Seuchenzugs kaum Angaben, die den Verlauf und die Auswirkungen der Epedemien etwas ausführlicher beschrieben hätten. Die meisten Informationen enthalten die im 15. und 16. Jahrhundert niedergeschriebenen Stadtchroniken, deren Verfasser die grossen Pestwellen des 15. Jahrhunderts teilweise selbst erlebten.[4] Vor allem der Stadtarzt und Chronist Valerius Anshelm war bestrebt, das Auftreten der tödlichen Krankheit als Strafe Gottes darzustellen, die als Folge des fortschreitenden sittlichen und moralischen Zerfalls der Einwohnerschaft Berns nach den Burgunderkriegen von 1475/76 über das Gemeinwesen hereingebrochen sei.[5] Die Ausführungen Valerius Anshelms wie seines Vorgängers des Chronisten Diebold Schilling zeigen, dass jeder Pestzug infolge von Ernteausfällen und Versorgungsproblemen jeweils von einer Lebensmittelteuerung begleitet wurde.[6] Der Rat reagierte auf die Auswirkungen der Pest, indem er die Preise insbesondere beim Getreide durch verordnete Höchstwerte begrenzte sowie Kleriker und Laien im städtischen Herrschaftsgebiet zu Wallfahrten und Gebeten aufrief. Gleichzeitig versuchte er, die Bevölkerung in Stadt und Land zu einer besseren christlichen Lebensführung anzuhalten.

Verstärkte Satzungstätigkeit des Rats

Die grosse Zahl von Toten führte dazu, dass Schultheiss und Rat auch Erbfolge und Totengedenken der Stadtbevölkerung während Seuchenzügen in speziellen Satzungen neu regeln mussten.[7] Wie in anderen mittelalterlichen Städten zeigten sich die führenden Ratsgeschlechter deshalb darum bemüht, die Stiftungstätigkeit an die Kirche in Notzeiten einzuschränken oder – wenn immer möglich – ganz zu verbieten.[8] Nach grösseren Pestwellen wurden zudem die Niederlassungsbestimmungen (Niederlassungspolitik des Rats) in der Stadt erleichtert, um die entstandenen Bevölkerungsverluste wenigstens teilweise durch Zuwanderung wieder ersetzen zu können.[9] Insgesamt lässt sich während den Seuchenzügen des 14. und 15. Jahrhunderts eine verstärkte Satzungstätigkeit des Rats feststellen. Diese drückt sich in einem nummerischen Anstieg der überlieferten Stadtsatzungen während Seuchenzügen aus. Einzelne Krankheitswellen wie diejenigen von 1367, 1395, 1411 und 1419 lassen sich sogar nur durch die in den Stadtrechtsbüchern überlieferten Gesetzesbestimmungen indirekt nachweisen.

Roland Gerber, 13.11.2017



[1]    Einen Überblick über die Pestforschung in Deutschland geben Erich Keyser: Die Pest in Deutschland und ihre Erforschung, in: Actes du Colloque International de Démographie Historique, hg. von Paul Harsin und Etienne Hélin, Liège 1965, S. 369-377; Neithard Bulst: Der Schwarze Tod. Demographische, wirtschafts- und kulturgeschichtliche Aspekte der Pestkatastrophe von 1347-1352. Bilanz der neueren Forschung, in: Saeculum 30 (1979), S. 45-67; Ernst Kelter: Das deutsche Wirtschaftsleben des 14. und 15. Jahrhunderts im Schatten der Pestepidemien, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 165 (1953), S. 183-195; sowie allgemein Eberhard Isenmann: Die deutsche Stadt im Spätmittelalter 1250-1500. Stadtgestalt, Recht, Stadtregiment, Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft, Stuttgart 1988, S. 38-41. Für das Gebiet der heutigen Schweiz vgl. Silvio Bucher: Die Pest in der Ostschweiz, in: Neujahrsblatt des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen 119 (1979), S. 11-58. Zur Verbreitung der Pest in Europa vgl. auch die grundlegende Arbeit von Jean-Noël Biraben: Les hommes et la peste en France et dans les pays européens et méditerranéens, Bd. 1: La peste dans l’histoire (Civilisations et Sociétés 35), Paris 1975, S. 119-125.

[2]    Vgl. dazu die Zusammenstellung der chronikalischen Überlieferungen von Pestzügen in Schwaben und der Eidgenossenschaft bei Koch, Bruno, Neubürger in Zürich. Herkunft und Entwicklung der Bürgerschaft der Stadt Zürich im Spätmittelalter 1350 bis 1550, Dissertation maschinenschriftlich, Bern 1999, S. 113.

[3]    Zu den archäologischen Befunden der spätmittelalterlichen Seuchenzüge in Bern vgl. Susi Ulrich-Bochsler: Krankheit und Tod im Spiegel des Siechenfriedhofs am Klösterlistutz, in: BGZ, S. 102-107.

[4]    Die Auswirkungen der Pest auf die Demographie der Stadt Bern sind bisher noch nicht systematisch erforscht worden. Eine Zusammenstellung der chronikalischen Aufzeichnungen über einzelne Pestzüge gibt Alfred Zesiger: Die Pest in Bern, Bern 1918; sowie fürs Emmental Rudolf Schwab: Die Pest im Emmental, in: Blätter für bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde 1 (1905), S. 186-190.

[5]    Die Berner Chronik des Valerius Anshelm, 6 Bde., Bern 1884-1901, Bd. 1, S. 115-118, 149f. und 222-226.

[6]    Zu den Lebensmittelteuerungen in der Stadt Bern im 15. Jahrhundert vgl. Hans Morgenthaler: Teuerungen und Massnahmen zur Linderung ihrer Not im 15. Jahrhundert, in: Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern 26 (1921/22), S. 1-66; sowie Hugo Wermelinger: Lebensmittelteuerung, ihre Bekämpfung und ihre politischen Rückwirkungen in Bern (Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern 55), Bern 1971.

[7]    Zu den Verwaltungsmassnahmen, die von Stadträten zur Bekämpfung der Pest angewandt wurden vgl. Charlotte Bühl: Die Pestepidemien des ausgehenden Mittelalters und der Frühen Neuzeit in Nürnberg (1483/84 bis 1533/34), in: Nürnberg und Bern. Zwei Reichsstädte und ihre Landgebiete , hg. von Rudolf Endres (Erlanger Forschungen, Reihe A: Geisteswissenschaften 46), Erlangen 1990, S. 133-158; sowie Ernst Kelter: Das deutsche Wirtschaftsleben des 14. und 15. Jahrhunderts im Schatten der Pestepidemien, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 165 (1953), S. 183-195.

[8]    Vgl. dazu Hans-Jörg Gilomen: Renten und Grundbesitz in der Toten Hand. Realwirtschaftliche Probleme der Jenseitsökonomie, in: Himmel, Hölle, Fegefeuer. Das Jenseits im Mittelalter. Ausstellungskatalog, hg. von Peter Jezler, Zürich 1994, S. 135-148.

[9]    1441 senkte beispielsweise der Basler Rat das Bürgergeld infolge eines Seuchenzuges von zehn auf vier Gulden. 127 Neubürger liessen sich daraufhin ins kommunale Bürgerrecht aufnehmen; Eberhard Isenmann: Bürgerrecht und Bürgeraufnahme in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt, in: Neubürger im späten Mittelalter, hg. von Rainer C. Schwinges (Beiheft der Zeitschrift für Historische Forschung 25), Berlin 2001, S. 24.

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