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Erste Stadterweiterung nach 1255

Wiederholte militärische Übergriffe veranlassten den Rat, die westlich des Zeitglockenturms entstandene Vorstadt nach 1255 zu befestigen.

Das von Konrad Justinger während der Gründungszeit beschriebene Bevölkerungswachstum scheint auch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts angehalten zu haben. Schultheiss und Rat sahen sich deshalb bereits 64 Jahre nach der Stadtgründung dazu veranlasst, die westlich des Zeitglockenturms entstandene Vorstadt nach 1255 durch eine erste Stadterweiterung in den Befestigungsring einzubeziehen (Innere Neustadt). Der konkrete Anlass für diese Stadterweiterung waren die wiederholten militärischen Übergriffe der Grafen von Kiburg-Dillingen, die nach dem Zusammenbruch der staufischen Königsherrschaft 1254 versuchten, die Stadt Bern zusammen mit anderen königlichen Besitzungen und Lehen im Gebiet der Landgrafschaft Burgund unter ihre Kontrolle zu bringen. Mit dem Bau eines neuen durch vier Stadttore gesicherten Mauerrings verstand es der Rat, einerseits die entlang der westlichen Ausfallstrasse errichteten Wohnhäuser vor Angriffen zu schützen, andererseits sollte mit der Ausdehnung des ummauerten Stadtgebiets Platz für den stetigen Zustrom neuer Siedler geschaffen werden. Nach Justinger waren bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts gar vil lüten in die stat gezogen, sodass es den burgern wol im sinne war, daz man die stat witrote [erweiterte].[1] Der neben dem Rat wichtigste Initiator dieser ersten Stadterweiterung war Graf Peter II. von Savoyen, unter dessen Schutzherrschaft sich Bern im Jahre 1255 gestellt hatte und der sich neben Herzog Bertold V. von Zähringen als zweiter Stadtgründer profilieren wollte. Wie schon 1191 ermöglichten es auch diesmal die topografischen Gegebenheiten, dass die neue Stadtmauer entlang bestehender natürlicher Quergräben errichtet werden konnte.

Niederlassung von Franziskanern und Dominikanern

In engem Zusammenhang mit der 1255 begonnenen Stadterweiterung stand die Niederlassung der Dominikaner in Bern (Dominikaner- und Inselkloster). Der Rat rief diese wie die Franziskaner (Franziskanerkloster) in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in die Stadt. Dazu erhielten sie 1269 und 1299 den nördlichen Bereich der damals neu befestigten Vorstadt zum Bau ihres Klosters zugewiesen.[2] Aus den beiden von Schultheiss und Rat besiegelten Schenkungsurkunden geht hervor, dass sich auf dem an die Dominikaner übertragenen Areal bisher noch keine Wohnhäuser, sondern lediglich Gärten und Äcker mit Viehställen und Scheunen befanden. Die Schenkung beinhaltete neben verschiedenen privaten Grundstücken vor allem Teile der ehemaligen Stadtallmend, wozu das gesamte zur Aare abfallende Gelände mitsamt des Uferstreifens und eines zehn Fuss[3] (ca. 3 Meter) breiten Fusswegs hinter der neu errichteten Ringmauer gehörten, sowie die Nutzung der am nördlichen Rand der Inneren Neustadt entspringenden Trinkwasserquelle. Ferner ermächtigte der Rat die Dominikaner, zusätzliche Grundstücke in der nördlichen Neustadt zu einem einheitlichen von der Stadt festgelegten Preis zu erwerben. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts ging auf diese Weise rund ein Viertel des nach 1255 ummauerten Stadtgebiets in den Besitz der Bettelmönche über. Die Dominikaner legten auf ihrem Grundbesitz neben Klosterkirche und Konventgebäuden verschiedene Wiesen und Äcker sowie einen ausgedehnten Baumgarten an.[4]

Bau des Dominikanerinnen- oder Inselklosters

Wie der nördliche zeigte auch der südliche Abschluss der Inneren Neustadt bis zum 14. Jahrhundert nur eine lockere Überbauung. Hier befand sich bis zum Pogrom des Jahres 1293 der Judenfriedhof, wo die in Bern ansässigen Juden (Juden) ihre Toten beerdigten. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts liessen sich im Bereich des ehemaligen Judenfriedhofs die Dominikanerinnen nieder, die bisher auf einer Aareinsel nördlich der Stadt gelebt hatten. Sie errichteten mit der Zustimmung des Rats in der südwestlichen Ecke der Neustadt ein neues Kloster, das in Anlehnung an den alten Standort Inselkloster genannt wurde. Aus den verschiedenen zwischen 1323 und 1328 von den Klosterfrauen getätigten Grundstückerwerbungen geht hervor, dass das Areal zwischen der heutigen Amthaus- und Kochergasse in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts noch kaum bebaut war und sich an dieser Stelle neben einzelnen Ställen und Scheunen vor allem Gärten und Äcker befanden.[5] Die Neustadt dürfte somit wie die nach 1191 angelegte Zähringerstadt (Zähringerstadt) vorerst nur entlang der zentralen Marktgasse zwischen Zeitglockenturm und dem nach 1255 erbauten Gloggnertor – dem heutigen Käfigturm – mit Wohnhäusern überbaut gewesen sein. Zu einer verdichteten Bauweise kam es erst im Verlauf des 14. Jahrhunderts, nachdem sich die Gerber 1326 auf Betreiben des Rats im Gerberngraben niedergelassen hatten und im Bereich des heutigen Casinoplatzes sowie am östlichen Ausgang der Amthausgasse zahlreiche neue Häuser errichteten (Entstehung spezieller Gewerbebezirke).

Käfig- und Waaghausgässlein

In der zweiten Jahrhunderthälfte entstanden in den Zwischenräumen der nach der zweiten Stadterweiterung von 1343 funktionslos gewordenen Stadtmauer südlich und nördlich des Käfigturms schliesslich noch jene Häuserzeilen, deren Fronten heute ans Käfig- und Waaghausgässlein anstossen. Ausdruck dieser Bautätigkeit ist ein Eintrag in den Säckelmeisterrechnungen des Jahres 1378. Die beiden Bauherren (Bauherren) Peter Balmer und Niklaus Uttinger bezahlten einen Betrag von 32 Gulden an den Säckelmeister (Säckelmeister), den sie für den Durchbruch von Fenstern an der mittleren ringmure von den dortigen Hausbesitzern erhalten hatten.[6]

Roland Gerber, 13.11.2017



[1]    Gottlieb Studer (Hg.): Die Berner Chronik des Conrad Justinger, Bern 1871, Nr. 28, S. 19.

[2]    FRB/2, Nr. 667a, S. 723-725 (20. Juli 1269); FRB/3, Nr. 727, S. 734f. (25. Mai 1299); sowie Gottlieb Studer (Hg.): Die Berner Chronik des Conrad Justinger, Bern 1871, Nr. 40, S. 26. Im Jahre 1269 erhielten die Dominikaner von der Stadt ein Areal von 240 Fuss Länge und 80 Fuss Breite (ca. 1‘800 Quadratmeter) zur Errichtung ihres Klosters geschenkt; Descoeudres Georges: Zur Topographie des Predigerklosters, in: Bern. Französische Kirche, ehemaliges Predigerkloster. Archäologische und historische Untersuchungen 1988-1990 zu Kirche und ehemaligen Konventgebäuden, hg. von Georges Descoeudres und Kathrin Utz Tremp, Bern 1993, S. 20f.

[3]    Ein Berner Fuss oder Schuh galt etwa 29,3 cm. Er wurde auf 12 Zoll, 144 Linien und 1 400 Punkte gerechnet. Mit der Schaffung der Münsterbauhütte im Jahre 1421 scheint zusätzlich noch der „Rheinländische Steinbrecherschuh” (ca. 31,7 cm) in Bern eingeführt worden zu sein. Vgl. dazu Robert Tuor: Mass und Gewicht im Alten Bern (inkl. Waadt, Aargau und Jura), Bern/Stuttgart 1977, S. 35-46.

[4]    Die bredier [Prediger] hand ouch sidmals [seit der Klostergründung] den obren boungarten gekauft von erbern lüten, won daselbs kleini hüsli und garten warent, [...]; Gottlieb Studer (Hg.): Die Berner Chronik des Conrad Justinger, Bern 1871, Nr. 40, S. 26.

[5]    Gottlieb Studer: Zur Geschichte des Inselklosters, in: Archiv des Historischen Vereins 4 (1858-1860), S. 38-47.

[6]    Friedrich Emil Welti (Hg.): Die Stadtrechnungen von Bern aus den Jahren 1375-1384, Bern 1896, Stadtrechnung 1378/II, S. 106.

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