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In einer anderen Welt

13. Dezember 2019

INTEGRATIVE SCHULE - Samuel hat eine Austismus-Spektrum-Störung (ASS). Aufgrund seiner Intelligenz und seiner Begabung würde er in die Regelschule gehören. Dort hat er auch seine ersten vier Schuljahre verbracht. Nun besucht er eine auf Autismus-Spektrum-Störung spezialisierte Schule. Seine Mutter erzählt seine Geschichte.

Samuel ist anders, wie genau anders ist schwierig zu beschreiben. Er lebt in einer anderen Welt, eine Welt, die selbst für seine Eltern schwer zugänglich ist. Samuel hat eine Autismus-Spektrum-Störung. Auf den ersten Blick sieht man ihm sein Anderssein nicht an, das macht sein und das Leben seiner Familie manchmal umso schwieriger.

Nina Sommer, die Mutter von Samuel erzählt die Geschichte ihres Sohnes. Oder vielmehr die Geschichte ihrer ganzen Familie. Ein Kind mit einer Autismus-Spektrum-Störung beeinflusst das ganze Familiensystem. «Ich zucke noch heute zusammen, wenn mein Handy klingelt. So oft musste ich Samuel von der Schule abholen, weil er nicht mehr ‘tragbar’ war und die Lehrpersonen nicht mehr weiterwussten. Nur dank einer sehr verständnisvollen Chefin kann ich zwei Halbtage in der Woche arbeiten.» Die kleine Schwester von Samuel besucht inzwischen eine Maltherapie, auch für die Paarbeziehung von Sommer's ist die Situation sehr belastend.

Bild Legende:
Samuel beim Reiten (Bild: zvg)

Alles sollte bleiben, wie es ist

Samuel ist Sommer’s erstes Kind. Bereits als Kleinkind war er lebendig, hatte seinen eigenen Kopf. «Ich konnte das Verhalten damals nicht einordnen, ich dachte, er ist halt ein eigensinniges Kind.» Heute ist Samuel ein 14-jähriger Junge. Er hat seine «Säulen», wie seine Mutter es nennt. An diesen hält er starr fest. Zum Beispiel muss immer alles perfekt sein, Fehler macht man nicht. Auch mit Kritik kann Samuel kaum umgehen. Und er sammelt viele Sachen, vor kurzem waren es unendlich viele Holzstöcke. «Ich darf keinen davon wegwerfen, das bringt Samuel total aus dem Konzept. Am besten sollte für ihn alles bleiben, wie es ist», erzählt seine Mutter. Samuel hat viel Fantasie, er erfindet Geschichten und spielt diese stundenlang alleine in Rollenspielen nach. Er verschlingt Wissenssendungen und Bücher jeglicher Art. Die Bücher müssen ihm jedoch vorgelesen werden, da er eine schwere Legasthenie hat. Einmal in der Woche geht er reiten. Mit dem Pferd in Kontakt zu treten und mit dem Tier eine Beziehung aufzubauen fällt ihm leichter als mit Menschen. Freunde hat er keine.

Den Kindergarten und die ersten vier Schuljahre absolvierte Samuel in der Regelschule seines Dorfes. Doch schon im Kindergarten traten die ersten Probleme auf: sture Reaktionen, Wutausbrüche, sich verstecken. Dann begann das ganze «Rösslispiel», wie Nina Sommer es nennt. Tausend runde Tische, Abklärungen und Eltern-Coachings. «Ich kann mich gar nicht erinnern, wann genau die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung bei Samuel gestellt wurde, es war so viel los in dieser Zeit und ich fühlte mich oft sehr unter Druck gesetzt.»

In der Schule kümmerte sich eine Heilpädagogin während vier bis sechs Lektionen pro Woche um Samuel. Samuel hätte aber während der ganzen Unterrichtszeit eine Betreuung gebraucht, eine Betreuung, die ihm bei Schwierigkeiten unterstützend zur Seite gestanden wäre. Seine Schwierigkeiten und «Ausfälle» treten sehr punktuell auf und sind nicht immer spezifischen Auslösern zuzuordnen, sie kommen oft sehr überraschend. Im 4. Schuljahr kam es zum Eklat: Samuel fühlte sich von einer Lehrperson durch eine Zurechtweisung und das «nicht fliehen können» zu sehr bedrängt, er reagierte darauf mit Gewalt. Ein sofortiger Schulausschluss wurde ausgesprochen. Samuel kam in ein «Time-out», dann in eine Sonderschule.

Individuelles Betreuungssetting nötig

Fokussiert man auf die Intelligenz und Begabung von Samuel, so gehört er in eine Regelschule. Wie andere Kinder und Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung auch. Oft verfügen aber Regelschulen weder über die personellen noch finanziellen Ressourcen, um ein passendes individualisiertes Betreuungssetting anzubieten. Zudem ist ein spezifisches Fachwissen von Lehrpersonen und Heilpädagoginnen und Heilpädagogen unabdingbar. Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung bedürfen einem besonderen Verständnis für «ihre eigene Welt». «Man kann einem blinden Kind auch nicht sagen, dass es sehen lernen muss, weil wir in einer sehr visuellen Welt leben. Das funktioniert nicht», sagt Nina Sommer. «Ich hatte oft das Gefühl, dass man Samuel zurechtbiegen, neu programmieren wollte. Er wird aber immer in seiner eigenen Welt leben. Gewisse Strategien kann er sich aneignen, das braucht aber Zeit, sehr viel Zeit und ausreichend Geduld.»

Für Nina Sommer ist die Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit besonderen Bedürfnissen in die Regelschule wünschenswert. «Es würde den Horizont der ‘neurotypischen’ Kinder und Jugendlichen erweitern und es wäre in dem Sinne wertvoll, dass das Wissen und die Vorurteile gegenüber Andersartigkeit abgebaut und Toleranz geübt werden könnten.»

Heute besucht Samuel die Oberstufe in der Stiftung austismuslink während 15 Wochenlektionen. Er hat dort einen Ort gefunden, an dem es kein klar vorgegebenes Lernprogramm gibt. Es ist vielmehr eine Art Labor, in dem Samuel herausfinden kann, wie das Lernen mit einer Autismus-Spektrum-Störung funktionieren und wieder Freude machen kann.

Nina Sommer will nicht zu stark in die Zukunft ihres Sohnes blicken. Die ist sehr ungewiss. Sie ist froh, dass es momentan zu einer gewissen Beruhigung gekommen ist; vor allem für Samuel, aber auch für die ganze Familie. Eines ist für sie aber sonnenklar: «Ich werde mich immer für meinen Sohn einsetzten und dafür, dass er die bestmögliche Chance erhält.»

Die Schule war und ist für Samuel ein schwieriges Thema. Langsam fängt er wieder an Vertrauen zu fassen. «Zumindest wagen sich die jetzigen Lehrpersonen Schritte in ‘mein Minenfeld’ zu machen, auch wenn die Gefahr besteht, dass es zu einer Explosion kommt», sagte er kürzlich mit einem Grinsen zu seiner Mutter.

Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)

Bis vor kurzem wurde bei den Diagnosekriterien zwischen «frühkindlichem Autismus», «atypischem Autismus» und dem «Asperger-Syndrom» unterschieden. Vielfach werden diese aber neu zur Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) zusammengefasst.

Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung haben eine angeborene, unterschiedliche Wahrnehmungsverarbeitung, die ihnen Probleme bei der Verarbeitung von Umweltreizen bereitet. Die typischen Auffälligkeiten sind von Person zu Person sehr unterschiedlich ausgeprägt. Zu den typischen Auffälligkeiten gehören:

  • Sprachentwicklung, verbale und nonverbale Kommunikation
  • Soziale Interaktionen
  • Schwierigkeiten mit Veränderungen umzugehen
  • Über- und Unterempfindlichkeiten
  • Ausgeprägte Interessen

Weitere Informationen zu den Autismus-Spektrum-Störungen finden Sie unter: www.autismus.ch

 

Text: Nadine Soltermann
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Schulamt Stadt Bern

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