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Kinder mit Behinderungen in den Schulen als Normalität

29. März 2017

BEHINDERTENKONFERENZ STADT UND REGION BERN (BRB) - Herbert Bichsel, Geschäftsstellenleiter der Behindertenkonferenz Stadt und Region Bern (BRB), wünscht sich, dass möglichst viele Kinder die Regelschule besuchen und Sonderschulen die Ausnahme werden.

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Herr Bichsel, welches sind die Erwartungen der Behindertenkonferenz BRB an die Volksschulen der Stadt Bern?

Offenheit. Schulen und Lehrpersonen, die sich der Herausforderung einer inklusiven*) Schule annähern wollen und die Sonderschulen als Ausnahme sehen. Lehrerinnen und Lehrer, die sagen: Homogene Klassen, das gibt es sowieso nicht, also packen wir auch die Herausforderung, Kinder mit Behinderungen in Regelklassen zu unterrichten.

Das tönt leicht. Wo liegen die Probleme?

Unkenntnis erachte ich als eine der grössten Hürden. Das Nichtwissen, wie man mit Menschen mit Behinderungen umgehen soll. An Sitzungen passiert es mir als Rollstuhlfahrer immer mal wieder, dass mir nicht alle Teilnehmenden in die Augen sehen oder mich direkt ansprechen können.

Was ist zu tun?

Das Unterrichten von Schülern und Schülerinnen mit Behinderungen müsste zwingend ein Thema in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung sein. Auch gilt es, Hindernisse in der Gesellschaft im Umgang mit Menschen mit Behinderungen abzubauen. So bietet etwa der Verein «Sensability» den Workshop «Perspektivenwechsel» an. Es geht darum, dass Nichtbehinderte in die Rolle von Behinderten schlüpfen können. Die Haupterkenntnis aus einem solchen Tag war für 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler einer Berner Schulklasse, dass «Behinderte ganz einfach Menschen sind». So einfach ist das. Und es zeigt gleichzeitig, dass viele Kinder vor diesem Tag Berührungsängste hatten.

Soll die inklusive Schule «verordnet» werden, damit es in diesem Bereich etwas vorwärts geht?

Historisch gesehen stehen wir heute an einem guten Punkt. Früher wurden Behinderte einfach weggesperrt, später in Heime und Psychiatrien abgeschoben, heute machen wir erste Schritte zur Inklusion. Vor diesem Hintergrund wäre «verordnen» der schlechteste Weg, da er unweigerlich im Widerstand enden würde. Lehrpersonen müssen motiviert sein und aus eigenem Antrieb diese Normalität in ihren Klassen wollen.

Das ist aus Sicht von Behinderten aber eine defensive Haltung…

…richtig. Deshalb muss man gleichzeitig aufzeigen, dass wir im Bereich Gleichstellung auch von einem Rechtsanspruch sprechen, dass es somit richtig ist, dass immer mehr junge Behinderte und ihre Eltern auf ihre Rechte pochen und diese einfordern.

Was sagen Sie, wenn Eltern fürchten, dass die Inklusion von Kindern mit Behinderungen auf Kosten der Lernfortschritte ihrer Kinder gehe?

Auch Kinder mit Lernschwierigkeiten, aggressiven oder verweigerndem Verhalten oder ungenügenden Deutschkenntnissen «bremsen» das Ideal oder vielmehr die Illusion des reibungslosen und gleichmässigen Lernfortschrittes. Ein Klassenverband ist immer ein Mix von verschiedensten Talenten, Ressourcen und Defiziten. Es gilt aufzuzeigen, worin die Chancen der inklusiven Schule liegen.

Interview: Katharina Rederer

 

*) Man spricht von integrativer bzw. inklusiver Pädagogik: Inklusion bedeutet, Individuen zu fördern; Integration bedeutet, besondere Gruppen in bestehenden Systemen teilnehmen zu lassen.

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