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Regelklasse trotz Lernschwäche: Bei Julia hat es bestens geklappt

23. Oktober 2017

INTEGRATIVE SCHULE - Die 14-jährige Julia* hat eine ausgeprägte Lernschwäche, insbesondere Mathematik und logisches sowie räumliches Denken fallen ihr schwer. Trotzdem hat sie die ganze Schulzeit in der Regelschule verbracht und ist jetzt im Berufswahlprozess. Julia steht für ein gelungenes Beispiel einer integrativen Schulung: Dank einem engen fachlichen Netzwerk und weiteren engagierten Menschen, allen voran dank ihrer Mutter, war und ist die Schulzeit für Julia mehrheitlich eine Freude.

Bild Legende:

Daniela Müller*, eine Lernschwäche wie sie Julia hat, zeigt sich nicht unbedingt bereits im Kleinkinderalter. Wann oder wie haben Sie gemerkt, dass Julia sich anders entwickelt als andere Kinder?
Daniela Müller: Julia konnte früh gehen, sie hat aber bis 3-jährig nicht gesprochen. Spiele wie einfache Puzzle hat sie nicht gespielt beziehungsweise anders gespielt als eigentlich vorgesehen. Mir war nicht klar, ob sie das nicht kann oder ob das Interesse fehlte. Sie war ansonsten ein ausgesprochen problemloses Kind, das überall gut ankam und positiv auf Menschen zugeht.

Wann wurde eine Diagnose gestellt?
Julia ist mit viereinhalb in den Kindergarten gekommen und da hat die Kindergärtnerin sehr rasch das Gespräch mit uns gesucht, weil sie gemerkt hat, dass sie in einigen Bereichen einen grossen Entwicklungsabstand zu den anderen Kindern hatte. Julia wurde dann neurologisch abgeklärt und es hat sich gezeigt, dass ihr IQ unter dem Durchschnitt liegt. Der Arzt sagte, dass ihr bspw. Mathematik wohl immer schwerfallen werde…

…und das hat sich in der Schule bestätigt?
Ja. Wir sind zu diesem Zeitpunkt von der Agglomeration in die Stadt Bern umgezogen und haben erfahren, dass es in Bern die integrative Schule gibt. Das war ein absoluter Glücksfall. Wir waren von der 1. Klasse an in ein enges Netzwerk bestehend aus Lehrkräften, der Heilpädagogischen Schule, der schulischen Heilpädagogin und der Erziehungsberatung eingebunden. Die immer gleiche Heilpädagogin hat Julia von der 1. Klasse bis heute begleitet. Sie hat in all den Jahren grosse Fortschritte gemacht, hat aber immer mit reduzierten Lernzielen gearbeitet.

Wie geht es Julia mit den anderen Jugendlichen in der Klasse?
Bis zur 6. Klasse hat alles super geklappt, dann mit dem Wechsel in die Oberstufe gab es eine schwierige Phase. Sie wurde im Klassenchat von den anderen Mitschülerinnen und Schülern gemobbt.

Was haben Sie unternommen?
Julia war selber in diesem Chat mit drin und so habe ich zum Glück von den Anfeindungen erfahren. Ich habe mit der Klassenlehrperson und der Heilpädagogin gesprochen und sie haben das in der Klasse thematisiert. Ich muss den Lehrerinnen und Lehrern wirklich ein Riesenkompliment machen. Die leisten in einem sehr anspruchsvollen Umfeld hervorragende Arbeit.

Und seither geht es Julia wieder gut?
Ja, vor allem seit noch ein Klassenwechsel dazukam. Julia ist dank ihrer ausgeprägten Sozialkompetenz und Empathiefähigkeit sehr geschätzt. Und sie ist immer gut gelaunt; ein äusserst angenehmer Wesenszug.

Julia beschäftigt sich mit der Berufswahl, wo liegen ihre Interessen und was ist möglich?
Sie interessiert sich für die Altersbetreuung und hatte im letzten halben Jahr einen Wochenplatz-Einsatz in einem Altersheim und schnuppert jetzt auch in einer Kita. Sie wird möglicherweise eine Attestlehre machen können und je nach Entwicklung wohl eine IV-Teilrente bekommen.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an die Zukunft von Julia denken?
Julia ist zu früh und per Notfallkaiserschnitt zur Welt gekommen. Es war eine traumatische Geburt. Eine Hebamme hat danach zu mir gesagt: «Frau Müller, sie müssen nicht weinen, Julia geht es gut und sie wird es schaffen. Alles kommt gut.» Von diesem Moment an war und ist das auch meine feste Überzeugung geblieben.

 

Interview: Katharina Rederer

*) Die Namen sind der Redaktion bekannt.

 

Auf dem Weg zur Inklusion

INTEGRATIVE SONDERSCHULUNG IN REGELKLASSEN

Im Zentrum der integrativen Sonderschulung steht die soziale Integration des Kindes. Das Kind ist Teil der Klasse, hat Teil am Unterricht und wird innerhalb der Regelklasse gefördert. Die integrative Sonderschulung ist eine Wegbereiterin der inklusiven Schule.

Die heilpädagogische Schule (HPS) der Stadt Bern begleitet rund 95 Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten bis zum Schulaustritt in der integrativen Sonderschulung. Diese Kinder oder Jugendlichen mit einer Beeinträchtigung wie beispielsweise einer geistigen Behinderung, frühkindlichem Autismus, etc. besuchen den Unterricht im Rahmen der Regelklassen an ihrem Wohnort. Die heilpädagogische Schule dient als Kompetenzzentrum und begleitet fachlich und administrativ. Dabei unterstützt sie die Regelschulen, die Eltern, stellt die Heilpädagogin oder den Heilpädagogen an und überprüft und entwickelt die Qualität der integrativen Sonderschulung.

Die soziale Integration steht im Zentrum
Im Vordergrund der integrativen Sonderschulung steht immer die soziale Integration. Das Kind ist Teil der Klasse, hat Teil am Unterricht und wird innerhalb der Klasse gemeinsam gefördert. In diesem Sinne ist die integrative Sonderschulung eine Wegbereiterin der inklusiven Schule. Für die HPS Bern ist dies eine bereichernde und schöne Aufgabe.

Eine positive Haltung gegenüber der Integration aller Beteiligten ist eine wesentliche Voraussetzung fürs Gelingen. Die Förderung in der Regelschule ist für diese Kinder und Jugendliche weniger intensiv und weniger behinderungsspezifisch als bei der Schulung in einer Sonderschule. Die Schülerinnen und Schüler profitieren jedoch von ihren Klassenkameraden ohne Behinderung, können an ihrem Wohnort beschult werden und machen den Schulweg gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen aus ihrer Wohnumgebung.

Runder Tisch
Eine integrative Sonderschulung wird jeweils jährlich überprüft. Zweimal pro Jahr findet ein runder Tisch statt. Am runden Tisch werden gemeinsam mit den Eltern oder den Erziehungsberechtigten, der Regelschule, der Sonderschule, der Fachstelle und dem Schulinspektorat offene Fragen geklärt. Die neue Förderplanung wird besprochen und über das weitere Vorgehen entschieden. Im Zentrum steht die optimale, das heisst die angepasste und angemessene Förderung des Kindes. Ziel ist immer die positive Entwicklung der Schülerin, des Schülers. Sind die angestrebten Ziele in einem oder mehreren Punkten in Frage gestellt, wird eine Anschlusslösung gesucht und das Kind oder der Jugendliche tritt in eine ihm gerechte Sonderschule ein.

Text: Johanna Dürst-Lindt
Gesamtleiterin Heilpädagogische Schule Bern

 

HPS Bern

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