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Rede von Stadtpräsident Alec von Graffenried anlässlich des Kirchensonntags

10. Februar 2019

Rede von Stadtpräsident Alec von Graffenried anlässlich des Kirchensonntags im Berner Münster, 10.02.2019©

Thema: Reichtum verpflichtet – Armut auch

Sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gemeinde

Reichtum verpflichtet – Armut auch. Im ganzen Kanton Bern wird am heutigen Kirchensonntag zu diesem Thema referiert, die Kirche hat uns eingeladen, uns dazu Gedanken zu machen. Ich danke der Münstergemeinde für diese Einladung.

Reichtum verpflichtet – Armut auch. Ein widerborstiger Satz. Es sträubt sich etwas in mir gegen diesen Satz. Ueber Reichtum spricht man nicht. Und dass Armut verpflichten soll: zu was denn? Weshalb denn? Arme sind nicht verpflichtet, sondern unterstützungsbedürftig und unterstützungswürdig. Reichtum verpflichtet – Armut auch: dieser Satz provoziert. Ich versuche zu verstehen, warum uns dieser Satz – zweifellos mit guten Absichten - aufgegeben wurde. 

Fangen wir also an. Reichtum verpflichtet – Armut auch. Zuerst müssen wir wissen, wer reich ist und wer arm ist. Dabei geht es jetzt aber noch nicht um die Kollekte, die kommt erst am Schluss. Reichtum und Armut sind nicht objektiv feststellbar.  Reich ist, wer sich reich fühlt, arm ist, wer sich arm fühlt. Wir stimmen ab:

- Wer von Ihnen hier im Münster fühlt sich eigentlich reich?

- Und wer von Ihnen fühlt sich denn arm?

- Gibt es Enthaltungen?

Sie fühlen sich also sehr grossmehrheitlich reich, nur sehr wenige fühlen sich arm, bei doch einigen Enthaltungen.

Reich sein ist ein Risiko. Nach den Seligpreisungen aus der Bergpredigt haben die Armen sozusagen kein Problem, denn ihnen gehört das Himmelreich. Von den Reichen ist dagegen dort weniger die Rede.

 - Weshalb fühlen Sie sich reich? Fühlen Sie sich reich, weil sie viel Geld und Material besitzen? Oder sind Sie eher reich an Freude und Geistigem?

- Macht Ihr Reichtum Sie glücklich?

- Weshalb fühlen Sie sich arm? Weil sie weder Geld noch Material besitzen? Oder fehlen Ihnen andere Menschen? Fehlen Ihnen Perspektiven im Leben? Fehlt Freundschaft?

Ich gebe Ihnen auf meine eigenen Fragen noch meine persönliche Antwort: Ich selber fühle mich reich. Ich wurde vom Schicksal verwöhnt, ich lebe glücklich mit meiner Frau und meiner Familie. Und ich bin ausgesprochen gerne Stadtpräsident in dieser ausgesprochen schönen und vielseitigen Stadt Bern. Für all das bin ich dankbar. Und fühle mich glücklich.

Doch was genau macht mein Leben aus? Was macht glücklich? In welcher Hinsicht möchte ich nicht arm sein?

Zum Beispiel Freiheit

Ich empfinde die unglaublich vielen Möglichkeiten, die uns in unserem Leben offenstehen und die wir geniessen, als einen riesigen Reichtum, als ein riesiges Glück. Die vielen Möglichkeiten lassen uns die Wahl. Das ist die Freiheit. Freiheit macht reich und glücklich.

Nehmen wir die Bewegungsfreiheit: Es steht uns vollkommen offen zu gehen, wohin immer unser Herz begehrt. Wir sind frei und sicher. Wir spazieren durch die Stadt. Wir können aber auch ins Tram, in den Zug oder ins Auto sitzen und wegfahren. Wir fliegen irgendwo hin und zeigen unseren Pass. Die Welt steht uns offen.  Das ist keine Selbstverständlichkeit! Nicht alle kommen in den Genuss all dieser Privilegien. Fragen Sie mal einen Sans-papiers! Ich habe vor 14 Tagen mit einer jungen Aerztin aus einem Nicht-EU-Land gesprochen, die hier in der Schweiz ein Assistenzjahr machen möchte. Sie möchte ihr Fachgebiet in ihrer Heimat im Süden weiterbringen. Da gibt es Hürden: ich sage Ihnen, die wollen Sie gar nicht kennen!

Auch in Bezug auf unsere Ernährung kennen wir Freiheiten, von denen die Menschen in anderen Ländern und zu anderen Zeiten nur träumen. Früher kümmerte sich die Menschheit darum, sich die Nahrung zu sichern. Heute kümmern wir uns sehr ausführlich darum, was wir essen. Heute können wir entscheiden ob wir Fleisch, vegetarisch oder vegan essen wollen. Wir können zuviel Zucker oder Salz vermeiden, wir können gluten- oder laktosefrei essen.  Wir haben enorme Freiheiten, welch ein Reichtum!

Das Gleiche wie für die Nahrungsmittelsuche gilt für die Informationssuche: Noch nie hatten Menschen freien Zugriff auf ähnlich grosse Mengen an Informationen und an Wissen. Was wir wissen wollen, steht uns zur Verfügung. Tag und Nacht. Und dies weitgehend gratis und franko. Wer sich informieren will, der kann sich informieren. Wissen ist frei verfügbar.

All diese Freiheiten machen uns reich und all dieser Reichtum an Freiheit, an Wahlfreiheit, an Freiheit in unserer Lebensgestaltung setze ich mit Glück gleich. Weil arm und reich oft etwas mit Geld zu tun hat, widerstrebt es uns, Armut mit Unglück und Reichtum mit Glück in Bezug zu setzen. Geld allein macht nicht glücklich. Kein Geld macht also auch nicht unglücklich. Geld beruhigt jedoch – und kein Geld bedeutet Stress. Geld hat also doch und durchaus mit Glück und Unglück zu tun.

Was für mich gilt, muss natürlich nicht für anderen Menschen gelten. Was mir wichtig ist, ist für andere vielleicht völlig nebensächlich. Was uns reich macht, ist tatsächlich sehr individuell – wer mit seinem Reichtum nicht zufrieden ist, fühlt sich auch nicht glücklich.

Dankbarkeit

Das ist doch sehr entscheidend und ein Grundproblem unserer Zeit.

Wer sein Glück und seinen Reichtum nicht für sich selber festlegt, wer sich immer nur mit anderen Menschen vergleicht, die mehr haben, die mehr können, die mehr sind und auch noch beliebter sind: der wird es schwer haben, sein Glück zu finden und sich reich zu fühlen.

Sich selber bewusst sein, wie reich man ist, und diesen Reichtum zu schätzen, das sind für mich unabdingbare Elemente des Glücks. Sich selber kennen, seine Möglichkeiten erkennen und schätzen, und nicht dem Unerreichbaren hinterher zu rennen – darum geht es letztendlich. Das führt zu einer tiefen Dankbarkeit. Und diese Dankbarkeit: diese ist der Schlüssel zur Zufriedenheit im Leben.

Nicht alle sind so reich wie wir. Nicht alle haben so viele Rechte, Freiheiten und Möglichkeiten wie wir. Umso wichtiger ist es, dass sich auch Menschen Gehör verschaffen können, die weniger privilegiert sind. Umso wichtiger, dass wir uns auch für diese Menschen einsetzen. Weil sie Teil unserer Gemeinschaft sind.

Und weil wir Privilegierten oft die weniger Privilegierten vergessen.

Exkurs Engagement, Klimastreik

«Unsere Zukunft bezahlt euren Profit» stand auf einem der Plakate der Schülerinnen und Schüler, die im Januar in vielen Schweizer Städten gegen die aktuelle Klimapolitik auf die Strasse gingen.

Diese Demos passten nicht allen: «Können die Jugendlichen nicht am Samstag demonstrieren, statt an einem Werktag die Schule zu schwänzen? » kommentierten erboste Bürgerinnen und Bürger, auch hier in Bern.

Die Schülerinnen und Schüler haben sich in meinen Augen vorbildlich verhalten: Sie wehren sich mit demokratischen Mitteln für ihre Rechte. Genauer gesagt: sie wehren sich für ihr Recht auf eine sichere Zukunft. Sie taten dies mit einem Streik, der für Aufsehen sorgen sollte. Und nein, das kann man nicht am Samstag machen. Denn ein Streik ist kein Streik, wenn er an einem schulfreien Samstag stattfindet!

Aber den Jugendlichen war die Sache wichtiger als der Streik, und daher haben sie dann auch am Samstag gestreikt. Und dies erst noch erfolgreicher als zuvor an den Wochentagen!

Sie mögen sich fragen, was hat das alles mit Reichtum oder Armut zu tun? Denken wir an Reichtum oder an Armut, hat dies auf den ersten Blick fast immer etwas mit Geld oder Material zu tun. Doch die meisten der Schülerinnen und Schüler, die sich in den letzten Wochen gegen die Klimapolitik stellen, haben selber kaum materielle oder monetäre Sorgen.

Und trotzdem wehren sie sich. Und zwar weil wir ihre Rechte beschneiden. Weil sie sich von der Politik ungerecht behandelt fühlen.

Die Schülerinnen und Schüler fühlen sich beraubt, der Zukunft beraubt, und sie fühlen sich deshalb arm. Arm an Perspektiven für ihre Zukunft. «Unsere Zukunft bezahlt Euren Profit.»

Gemeinschaft

Wer viel besitzt, sollte dankbar sein. Ich höre immer wieder Menschen sagen: «Ich bin reich, weil ich viel arbeite. Ich verdiene es reich zu sein. Ich bin stolz darauf, was ich geschaffen habe.»

Damit kann ich wenig anfangen. Reichtum ist nie das Ergebnis einer Einzelleistung!

Wir alle hier in der Schweiz profitieren von den Leistungen unserer Vorfahren, wir profitieren von der Lage unseres Landes im nun schon so lange friedlichen Europa.

Wir profitieren – auch das muss gesagt sein – von wenig fairen Handelsbeziehungen mit den Armen und Ärmsten dieser Welt, von ihrer billigen Arbeitskraft. Wenn wir dann einfach hinstehen und meinen, wir seien allein verantwortlich für unseren Wohlstand: dann ist das erstens nicht korrekt und zweitens respektlos.

Glück ist, wenn man weiss, dass man andere braucht und wenn man weiss, dass man ohne andere nichts erreichen kann. Nur in der Gemeinschaft ist jeder einzelne und jede einzelne tatsächlich stark.

Wir Schweizer beziehen uns ja oft auf Wilhelm Tell: Der Starke ist am mächtigsten allein, sagt Wilhelm Tell bei Schiller. Das ist aber nicht das Modell der Schweiz. Der Starke ist am mächtigsten allein, sagt Tell in der Diskussion mit Stauffacher.

Stauffacher setzt dem die Gemeinschaft gegenüber, er sagt (Zitat): „Wir könnten viel, wenn wir zusammenstünden.“ Tell entgegnet: „Beim Schiffbruch hilft der Einzelne sich leichter. Ein jeder zählt nur sicher auf sich selbst.“ Und dann sagt Stauffacher den entscheidenden Satz: „Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.“ Damit legt Stauffacher, damit legt nicht Wilhelm Tell, die Grundlage für die Schweiz.

Die Schweiz, das ist das Bekenntnis, zusammen zu arbeiten, zueinander luege. In unsere Bundesverfassung ist nicht das Gedankengut von Tell, sondern das von Stauffacher eingeflossen.

Tell ist einsam, die Schweiz ist gemeinsam. Miteinander.[1]

Integrierte Gesellschaft

Ich frage Sie: was ist Ihnen das allerwichtigste in der Schweiz. Was macht die Schweiz aus? Worauf möchten Sie zuletzt verzichten?

Die Alpen? Der Schoggi? Die direkte Demokratie? --

Wenn ich mir diese Frage stelle, dann ist mir das allerwichtigste: Die offene Gesellschaft, die integrierte Gesellschaft.

Das ist mir am wichtigsten. Dass wir keine Klassengesellschaft haben. Dass wir miteinander leben. Miteinander auf den Märit gehen. Miteinander im Zug sitzen. Miteinander Tram fahren. Miteinander in die Schule gehen. Miteinander ins Skilager gehen. Miteinander mit YB und dem SCB leiden, und uns mit ihnen freuen. Miteinander Patent Ochsner singen oder 079 von Lo & Leduc. Die gleichen Zeitungen lesen. Eine gemeinsame SRG haben und sie gemeinsam finanzieren.

Miteinander. Wir als Stadt sind nichts ohne die Region. Die Region ist nichts ohne die Stadt. Die Stadt hört nicht einfach an ihrer Grenze auf. Wir brauchen die Region und die Region braucht uns. Die Stadt als Wirtschaftszentrum, als Zentrum der Bildung und der Kultur. Die Region als Wohnort von so vielen, die in der Stadt arbeiten und studieren, ausgehen und sich unterhalten.

Wir als Kanton sind nichts ohne unser Land. Ein Land mit einer politischen Stabilität, die ihresgleichen sucht. Ein Land mit einer umfassenden und gut gepflegten Infrastruktur. Ein Land mit umfassenden politischen Rechten der Bürgerinnen und Bürger.

Wir als Land sind nichts ohne unsere europäischen Nachbarn und die internationale Staatengemeinschaft. Europa ist eine Gemeinschaft, die seit Jahrzehnten für Stabilität und Wohlstand steht. Und ohne die internationale Staatengemeinschaft können die wichtigsten anstehenden Herausforderungen nicht gelöst werden.

Europa: lassen Sie mich eine Lanze brechen für Europa. Europa wird heute meistens nur in problematischen Zusammenhängen erwähnt. Brexit, Populismus, Migration, Staatsverschuldung. Für mich ist Europa aber vor allem positiv besetzt. Ich liebe italienisches Essen und italienische Städte, österreichischen Charme und österreichische Selbstreflexion, und Selbstkritik, französische Eleganz und Distinguiertheit, das griechische Kulturerbe, den englischen Humor, die schwedische Leichtigkeit des Seins, die Musik vom Balkan, die deutsche Gründlichkeit, die dänische Liebenswürdigkeit, die schweizerische Bodenständigkeit. Und die europäischen Werte.

Für mich ist es ein Glück, dass diese europäische Vielfalt sich in den letzten Jahrzehnten zu einer europäischen Gemeinschaft zusammengefunden hat. Und in einer weltweit einzigartigen Weise die demokratische Zusammenarbeit kultiviert hat.

Brüssel ist für mich weder ein Moloch, noch ein Gespenst, noch ein Sündenpfuhl, sondern der tägliche Beweis, dass Gemeinschaft immer versucht werden muss und auch gelingen kann. Miteinander.

Wenn wir also etwas geschaffen haben, dann nur als Gemeinschaft. Sollen wir stolz sein, wo wir hineingeboren worden sind? Schweizer zu sein ist keine Leistung. Das ist nur Glück. Wir dürfen dankbar sein, heute in einem wohlhabenden, freiheitlichen und sicheren Land geboren zu sein.

Exkurs: Reformation und Zwingli

Wir dürfen übrigens auch dankbar sein für die Reformation. Ich habe mir diese Woche den Film über Zwingli angeschaut, haben Sie ihn gesehen?

Ich kann ihn allen nur empfehlen. Die Reformation ist auch ein Bekenntnis zur Gemeinschaft, ein gemeinschaftliches Projekt. Nicht die Kirche schenkt uns den Glauben, wir leben den Glauben gemeinsam. Gehen Sie Zwingli schauen, es lohnt sich! Ich bin dankbar, dass die Reformation stattgefunden hat, nicht nur in Zürich, sondern auch hier in Bern, hier im Münster, im St. Vinzenz Stift. Zwingli soll übrigens auch hier im Münster gepredigt haben, wurde mir gesagt. Die Reformation selber, die wurde ja beschlossen in der Disputation, die fand nicht hier, sondern etwas weiter oben statt, in der Barfüsserkirche. Dort steht heute das Casino.

Früher war alles besser? Nein, alles war schlechter

Ich bin also dankbar, hier und heute zu leben. Diese Dankbarkeit, für alles was wir haben, sie ist die Grundlage für unsere Zufriedenheit und für unser Glück. Die Erfolge der vergangenen Jahrhunderte und Jahrzehnte seit der Reformation, in der Aufklärung, sind beeindruckend. Unsere Gesundheit ist besser als je zuvor, unser Wohlstand ist grösser, die Armut ist weltweit kleiner, die Kriminalität nimmt ab, Gewalt nimmt ab, Kriege werden – trotz der Katastrophen in Syrien, Jemen oder Darfur – insgesamt weniger. Der Hunger nimmt ab, Tote von Naturkatastrophen werden weniger und es wird sogar immer weniger Alkohol getrunken – was uns alle wiederum gesünder macht.

Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich spreche hier nicht von Bern, oder der Schweiz, diese positiven Trends sind ein globales Phänomen. Die Fakten sind eindeutig! Der Menschheit geht es in fast allen Gebieten besser als früher. Bessere Welternährung, mehr Demokratie, mehr Bildung für alle, mehr Chancen für fast alle, bessere Gesundheit. Die Welt hat sich in der UNO zusammengeschlossen, auch die Schweiz. Und die UNO verfolgt die globalen Ziele zur Verbesserung der Welt, und dies durchaus mit Erfolg.

Es gibt allerdings noch eine gewichtige Ausnahme des allgemeinen Trends hin zum Besseren, das ist das ökologische Gleichgewicht auf unserem Planeten: Die Meeresverschmutzung, der Klimawandel, das Artensterben. Hier ist der turnarund noch nicht geschafft. Auch da bleibt die UNO dran, zum Beispiel mit dem Klimaabkommen von Paris. Denn nur die UNO, nur alle gemeinsam, können diese Probleme auch lösen.

Aber grundsätzlich gilt: alles wird besser. Interessanterweise glauben viele Menschen genau das Gegenteil: Sie glauben nämlich, dass auf unserer Welt immer alles schlimmer wird, dass also Gewalt, Kriege und Terrorismus auf einem steten Vormarsch sind.

Doch woher kommt diese falsche Wahrnehmung? Der kanadische Entwicklungspsychologe Steven Pinker sieht zwei Gründe[2]: Zum einen ordnet er die düstere Beurteilung der heutigen Verhältnisse einem grassierenden Zynismus zu. Zudem beobachtet er gewisse Fehlfunktionen in der heutigen Mediengesellschaft. Will heissen: Kein Medienunternehmen wird sich davon überzeugen lassen, positive Meldungen zu verbreiten. Der Normalfall findet in den Medien und somit in der öffentlichen Wahrnehmung einfach nicht statt. Und der Normalfall ist in der Regel dann, wenn alles gut läuft. Gemeldet werden nur die Katastrophen.

Kleinere Kindersterblichkeit: kein Thema! Dafür wird über jedes Fährunglück in Bangladesh berichtet. Reduktion der Armut in der Welt: kein Thema! Dafür erfahren wir über jede kindische Regung des amerikanischen Präsidenten. Höhere Alphabetisierung in der Welt: findet in den Medien nicht statt. Aber wir werden informiert  über jedes schreckliche Gewaltverbrechen irgendwo auf der Welt. 

Die Welt ist nicht perfekt und wird es nie sein – trotzdem bin ich überzeugt, dass wir in der besten aller Zeiten, in der besten aller Welten leben! Oder wie es der frühere BZ-Journalist und heutige Spiegel-Korrespondent Guido Mingels so plakativ und entgegen dem allgemeinen Empfinden in einem Buch zusammenfasste: «Früher war alles schlechter! ».

Optimisten werden oft als naiv hingestellt. Mingels stellt fest: Nicht der Optimist ist naiv, aber der Pessimist, der ist schlecht informiert!

All diese Fortschritte, konnten und können nur miteinander erreicht werden. Zusammenarbeit ist nicht immer einfach, Zusammenarbeit ist oft anstrengend und schwierig. Zusammenarbeit ist langfristig zielführend und deshalb immer besser als der Alleingang.

Wollen Menschen vorwärtskommen, tun sie sich mit anderen zusammen. Denn Probleme lassen sich am besten miteinander lösen – egal ob in der Familie, in der Gemeinde, in der Schweiz, in Europa  oder auf der ganzen Welt.

Schluss

Reichtum verpflichtet – Armut auch. Ja. Das ist ein Aufruf.

Solange es Armut gibt, sind wir verpflichtet, dagegen vorzugehen. Ja, es gilt gemeinsam Lösungen gegen die Armut zu finden. Daran sollen alle mitwirken, Arme und Reiche gleichermassen. Ja, Reichtum soll geteilt werden. Egal um welche Art von Reichtum es sich handelt. Die einen teilen Geld, andere teilen Zeit, wiederum andere teilen Freude, sie teilen Anerkennung. Und Sie haben mir jetzt gerade 20 Minuten Aufmerksamkeit geschenkt.

Reichtum verpflichtet – Armut auch. Ja! Zu mehr Gemeinschaftlichkeit. Denn nur in Gemeinschaft ist der Mensch Mensch, nur in Gemeinschaft werden die Menschen menschlich.

Erlauben Sie, wenn ich dies abschliesse mit: Amen.

Ich danke Ihnen.



[1] Präambel: Im Namen Gottes des Allmächtigen! Das Schweizervolk und die Kantone, in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken, im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen, gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen, geben sich die folgende Verfassung.

[2] Steven Pinker: Gewalt, Eine neue Geschichte der Menschheit, S. Fischer Verlag, 2011

Steven Pinker: Aufklärung: JETZT! S. Fischer Verlag, 2018

Referat von Stadtpräsident Alec von Graffenried anlässlich «100 Jahre Bern Bümpliz» beim Dorfbrunnen Bümpliz, 06.01.2019©
Titel
Kirchensonntag, Rede Alec von Graffenried, 10.02.2019 (PDF, 438.9 KB)

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