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Räumliche Gliederung des Stadtgebiets

Jede Gasse und jeder Haushalt in der Stadt Bern unterlagen einer wirtschaftlich und sozial unterschiedlichen Bewertung.

Die Lage der Wohn- und Arbeitsorte der Stadtbewohner unterlag in Bern wie in anderen grösseren Städten des Reiches während des Spätmittelalters verschiedenen räumlichen Abhängigkeiten.[1] Diese ergaben sich aus der topografischen Verteilung der wichtigsten kommunalen (Kommunale Gebäude), gewerblichen (Zunft- und Gewerbebauten) und religiös-karitativen Gebäude (Geistliche Niederlassungen) innerhalb des ummauerten Stadtgebiets. Jedes Stadtviertel (Stadtviertel) und Quartier (Stadtquartiere), jede Gasse und jeder Haushalt (Haushaltsgrösse und Familie) unterlagen einer wirtschaftlich und sozial unterschiedlichen Bewertung. Diese wurde von der Einwohnerschaft bewusst wahrgenommen und manifestierte sich in der ungleichmässigen Verteilung einzelner Bevölkerungsgruppen in der Stadt (Berufstopografie). Zudem zeigten sich Schultheiss und Rat (Schultheiss und Rat) seit dem 14. Jahrhundert darum bemüht, sowohl die gewerblich-zünftigen als auch die religiös-karitativen Institutionen verstärkt unter die Kontrolle des Rates der Zweihundert zu stellen (Gewerbeaufsicht des Rats). Vor allem die von einzelnen Bürgern gestifteten Beginenhäuser (Beginenhäuser) sowie die Gewerbe- und Gesellschaftshäuser der Zünfte (Zunft- und Gesellschaftshäuser) erfuhren bis zum Ende des Mittelalters verschiedene Umgestaltungen und Anpassungen, die sich in der Konzentration dieser Gebäude an bestimmten Gassen und deren zahlenmässigen Reduktion auf einige wenige vom Rat besser zu kontrollierende Häuser manifestierten (Entstehung spezieller Gewerbebezirke).

Stadtgrundriss als Spiegelbild der Gesellschaft

Spiegelbild dieser sozialen, rechtlichen und ökonomischen Veränderungen in der Stadtgesellschaft ist der Stadtgrundriss.[2] Die spezielle topografische Lage Berns innerhalb einer langgestreckten Aareschleife hatte zur Folge, dass sich das Erscheinungsbild der Stadt seit ihrer Gründung 1191 durch eine im Vergleich zu anderen mittelalterlichen Städten starke Regelmässigkeit und Geschlossenheit auszeichnete. Zugleich verhinderte der Lauf der Aare, dass sich die Stadt in beliebiger Richtung ausdehnen konnte. Nur die westlich an die Stadtmauern anstossende Allmend bot Platz für Stadterweiterungen (Wachstum im 13. und 14. Jahrhundert). Insgesamt erscheint die bauliche Gestalt Berns am Ende des Mittelalters als eine durch Stadtviertel und Quartiere sowie durch parallel verlaufende Gassen klar strukturierte Einheit, die durch eine Vielzahl kommunaler, gewerblicher und kirchlicher Gebäude geprägt wurde. Die Verteilung dieser Gebäude innerhalb des Stadtgebiets war Ausdruck einer über dreihundert Jahre dauernden Entwicklung, während der Bürgerschaft und Rat Verfassung, Wirtschaft und Architektur den sich laufend ändernden Verhältnissen in Stadt und Land anpassten.

Einfache Handwerker leben neben reichen Kaufleuten

Jede Gasse und jeder Haushalt in Bern unterlagen während des Spätmittelalters somit einer wirtschaftlich und sozial unterschiedlichen Bewertung. Diese wurde von den Einwohnern bewusst wahrgenommen und zeigt sich in der ungleichmässigen Verteilung einzelner Gebäude und Bevölkerungsgruppen innerhalb des überbauten Stadtgebiets.[3] Neben ärmeren Wohngegenden, in denen sich vor allem sozial schwächere Personen wie Tagelöhner, niedere städtische Amt- und Dienstleute sowie einfache Handwerker niederliessen, existierten Strassenzüge, an denen sich die Wohnhäuser der wohlhabenden Kaufleute und der politisch führenden Rats- und Adelsgeschlechter reihten. Während jedoch die Handwerker zur Ausübung ihrer Berufe vornehmlich auf funktional bedingte Standorte wie die Nähe zu fliessendem Wasser oder zu einzelnen städtischen Gebäuden und Anlagen wie Stadtbach (Stadtbach), Gewerbehäuser und Verkaufsstände (Fleisch- und Brotschalen) angewiesen waren, orientierten sich die Wohnlagen der Ratsherren, Kaufleute und Kleriker vor allem an repräsentativen Gesichtspunkten (Wohnlagen der Ratsmitglieder). Dazu gehörten beispielsweise Grösse und Architektur der Wohnhäuser sowie Standorte an hellen, übersichtlichen Gassen und Plätzen. Insbesondere Eckhäuser, deren Fassaden nicht nur auf einer Gassenseite, sondern auf zwei Seiten sichtbar waren, erfuhren eine deutlich höhere Standortbewertung, als Häuser, die sich entlang schmaler Seitengassen drängten oder deren Rückseiten an die Stadtmauern anlehnten. Ebenfalls bevorzugt wurden Wohnlagen, die sich an zentralen Märkten oder in der Nachbarschaft wichtiger kommunaler Gebäude oder geistlicher Institutionen wie Rathaus (Rathaus) und Pfarrkirche (Pfarrkirche St. von Vinzenz) befanden. Bei den alteingesessenen Adelsgeschlechtern hatten zudem, wie dies das Beispiel der Familien von Bubenberg und von Aegerten zeigt, strategisch-militärische Gründe zu deren Ansiedlung an den beiden südlichen Zugängen der zähringischen Gründungsstadt (Zähringerstadt) geführt.

Roland Gerber, 08.11.2017



[1]    Einen Überblick über die deutschsprachige sozialtopografische Forschung gibt Dietrich Denecke: Sozialtopographie und sozialräumliche Gliederung der spätmittelalterlichen Stadt. Problemstellungen, Methoden und Betrachtungsweisen der historischen Wirtschafts- und Sozialgeographie, in: Über Bürger, Stadt und städtische Literatur im Spätmittelalter, hg. von Fleckenstein, Josef und Stackmann, Karl (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, philosophisch-historische Klasse, 3. Folge 121), Göttingen 1980, S. 161-202.

[2]    Grundlegende Arbeiten zu diesem Thema sind Wilhelm Heinrich Riehl: Der Stadtplan als Grundriss der Gesellschaft, in: Culturstadien aus drei Jahrhunderten, hg. von Wilhelm Heinrich Riehl, Augsburg 1859, S. 270-284; Cord Meckseper: Stadtplan und Sozialstruktur in der deutschen Stadt des Mittelalters, in: Stadtbauwelt 33 (1972), S. 52-57; Ernst Piper: Der Stadtplan als Grundriss der Gesellschaft. Topographie und Sozialstruktur in Augsburg und Florenz um 1500 (Campus Forschung 305), Frankfurt/New York 1982; sowie Hans Koepf: Das Stadtbild als Ausdruck der geschichtlichen Entwicklung, in: Stadt und Kultur, hg. von Hans Eugen Specker (Stadt in der Geschichte 11), Sigmaringen 1983, S. 9-28.

[3]    Dietrich Denecke: Sozialtopographie und sozialräumliche Gliederung der spätmittelalterlichen Stadt. Problemstellungen, Methoden und Betrachtungsweisen der historischen Wirtschafts- und Sozialgeographie, in: Über Bürger, Stadt und städtische Literatur im Spätmittelalter, hg. von Fleckenstein, Josef und Stackmann, Karl (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, philosophisch-historische Klasse, 3. Folge 121), Göttingen 1980, S. 161-202, hier 166-168; sowie für Bern Erasmus Walser: Wohnanlage und Sozialprestige. Historische Bemerkungen zur Sozialgeographie der Stadt Bern, in: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde 38 (1976), S. 99-108.

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