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1. August 2023 | Gemeinderat, Direktionen

Stadtpräsident Alec von Graffenried zum 1. August

In seiner traditionellen Ansprache anlässlich des Empfangs der internationalen Gemeinschaft in Bern am 1. August nimmt Stadtpräsident Alec von Graffenried Bezug auf die Frage «Gibt es Helden in der Schweiz?».

Portrait Alec von Graffenried
Bild Legende:

175 Jahre Bundesverfassung – Die Schweiz und ihre Helden

In diesem Jahr feiern wir den 1. August besonders. Denn wir feiern 175 Jahre moderne Schweiz. Herzliche Gratulation daher zu diesem runden Geburtstag der Schweiz!

Gibt es Helden in der Schweiz?

Kürzlich hat mich die Botschafterin der Ukraine gefragt, ob es denn keine Helden gebe in der Schweiz. Dies sei ihr aufgefallen. Eine spannende Frage.

Klar, nicht jeder wird vom Schicksal getroffen wie der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski. Er wollte doch nur Präsident sein. Und fand sich flugs in der grössten Bedrohung seines Landes. An einem Schicksalsschlag wie dem Angriff des faschistischen Unrechtsstaats Russland kann man zerbrechen und zugrunde gehen. Oder daran wachsen, und zum Helden werden, wie Präsident Selenski.

Wolodimir Selenski zeigt sich bis heute seiner Aufgabe gewachsen. Er wird damit in die europäische Geschichte eingehen derer, die sich an die Spitze des Widerstands gegen faschistisches Unrecht gewehrt haben, wie seinerzeit Sophie Scholl und Dietrich Bonhoeffer, Churchill oder de Gaulle.

Die Heldin der Schweiz ist unsere Verfassung

Aber ja. Held*innen-Verehrung – in der Schweiz gibt es das eigentlich nicht. Nicht, dass wir keine Heldinnen und Helden hätten. Doch wir vermeiden es bewusst, sie zu verehren. Unsere Held*innen sollen am Boden bleiben und nicht abheben und meinen, sie seien etwas Besseres. Sie sollen normal sein.

Die Heldin der Schweiz ist eben unsere Verfassung, die wirklich etwas Besonderes ist. Zwar wurde sie zweimal totalrevidiert und unzählige Male teilrevidiert. Und sie hat uns ein so kompliziertes System gebracht, das eigentlich niemand versteht, wir verstehen es ja selber kaum. Und man kann es auch kaum jemandem erklären. Aber wir lieben unsere Verfassung, unser politisches System, unsere Freiheit, unsere Demokratie.

Vielleicht gibt es daher keine Heldinnen und Helden in der Schweiz. Die Heldin der Schweiz ist unsere Verfassung.

Die Berner Heldin Anna Seiler

Aber halt, doch! Ein paar Heldinnen und Helden haben wir schon. In Bern hat zum Beispiel Anna Seiler bereits 1354 ein Spital gestiftet, das heute zum grössten Spital der Schweiz geworden ist. Und im September werden wir das neue Hauptgebäude eröffnen. Und wie wird es heissen? Natürlich Anna Seiler Haus, benannt nach der Gründerin des Spitals, und dies nach fast 700 Jahren! Die Stifterin unseres Spitals ist eine wichtige Heldin in Bern, eine der wenigen bekannten Frauen aus jener Zeit.

Der Held der Gründung der Schweiz: General Dufour

Aber auch die Gründung der Schweiz ist eine Heldengeschichte, und vom grössten der Helden von 1848 möchte ich heute berichten. Ohne ihn hätten wir heute nichts zu feiern, er ist für mich die herausregende Figur bei der Gründung der Schweiz, er ist ein wahrer Held.

Es ist Guillaume Henri Dufour – die grosse Ausnahmeerscheinung unter den Schweizer Held*innen. Geboren 1787 im damaligen österreichischen Konstanz und gestorben 1875 in Genf.

Dufour war ein Universalgenie: Ingenieur, Kartograf, General, Politiker und Humanist.

Was braucht es, um ein Held zu sein? Wieviel reicht, um ein Held zu werden?

  • Dufour hat in Genf die erste Hängebrücke der Welt gebaut.
  • Dufour hat unsere Schweizer Fahne mit dem Schweizer Kreuz erfunden.
  • Dufour hat die erste Schweizer Karte, die Dufourkarte erstellt
  • Dufour hat das Rote Kreuz mitgegründet und war dessen erster Präsident.
  • Dufour hat die Genfer Konventionen initiiert, bis heute die wichtigsten völkerrechtlichen Grundlagen zum Kriegsvölkerrecht und des Völker-rechts überhaupt.
  • Und: Dufour war die wichtigste Figur bei der Gründung der Schweiz.

Die Zusammenstellung von wissenschaftlichen und politischen Leistungen beeindruckt mich. Jede einzelne dieser Taten würde zum Heldenstatus reichen. Dufour ist für mich ein Held für die Ewigkeit.

Nicht nur für mich: Henri Dufour wurde bereits zu Lebzeiten ein unschweizerisches Mass an Heldenverehrung zuteil: 1863 nannte der Bundesrat den höchsten Berg der Schweiz nach ihm: Die Dufour-Spitze im Monte Rosa-Massiv bei Zermatt. Die Stadt Bern ernannte ihn sofort zu ihrem Ehrenbürger, eine sehr seltene Ehre. Und als er 1875 starb, reisten mehr als 60’000 Menschen nach Genf zu seiner Beerdigung.

Henri Dufour ist ein Held. Er hat für die Gründung der Schweiz mehr als jeder andere getan.

Wie kam es dazu?

Dufours Beitrag bei der Gründung der Schweiz

Seit 1831 war Dufour Chef der damaligen Generalstabsabteilung in Thun und organisierte, reorganisierte die damalige, noch sehr kantonal organisierte Schweizerische Armee. Als die damalige Schweiz sich 1847 spaltete, als der Sonderbund begründet wurde, wurde Dufour am 21. Oktober 1847 von der Tagsatzung zum General und damit zum Befehlshaber der schweizerischen Truppen ernannt und erhielt den Auftrag, den Sonderbund aufzulösen. Dies gelang ihm nach einem nur vierwöchigen Krieg. Sein Ziel war es, trotz dem Krieg die Opferzahl niedrig zu halten. Das gelang. (Gemäss offiziellen Angaben: 150 Tote / 400 Verletzte.) Der Krieg endete mit der Kapitulation der Sonderbund-Kantone.

Bereits während dieser Auseinandersetzungen achtete Dufour streng auf die Einhaltung humanitärer Grundsätze bei den Kampfhandlungen. So schickte er zum Beispiel am 13. November 1847, als alles für die Offensive bereit war, Leutnant de Cerjat als Abgesandten zu den Behörden der Stadt Freiburg, um sie aufzufordern, sich zu ergeben, um eine tödliche Schlacht zu vermeiden. Der überlieferte Grundsatz von General Dufour «Il faut sortir de cette lutte non seulement victorieux, mais aussi sans repro-che» (Man muss aus diesem Kampf nicht nur siegreich hervorgehen, sondern auch ohne Vorwurf) galt als Führungsmaxime für alle seine unterstellten Kommandanten.

Mit seinem behutsamen Vorgehen im Sonderbundskrieg konnte Dufour nicht nur einen Zusammenbruch der Eidgenossenschaft durch eine Intervention ausländischer Mächte verhindern, sondern er schuf eine Basis der Versöhnung, die den zerstrittenen Kantonen ermöglichte, sich bereits 1848 für einen gemeinsamen Bundesstaat zu einigen.

Wenn 1847 mit dem Sonderbundkrieg schon ein Bürgerkrieg nötig war, dann sollte dieser nicht auf Zerstörung und Vernichtung ausgerichtet sein. Zivilist*innen und Kriegsgefangene galt es zu schützen. Verletzungen aller Art sollten nach Möglichkeit verhindert werden. Die Besiegten sollten am Ende wieder aufstehen können und nicht für immer gebrochen sein. Der Respekt voreinander durfte nicht verloren gehen, denn sonst war eine Versöhnung nicht mehr möglich. Und den Krieg galt es schliesslich so rasch wie möglich zu beenden. Diesen humanitären Kriegsansatz, den Henri Dufour wählte, verhinderte, dass sich die Nachbarländer in den Konflikt in der Schweiz einschalteten. Und in der Folge gelang es den Schweizerinnen und Schweizern tatsächlich auch, den Krieg hinter sich zu lassen und gemeinsam die Zukunft anzugehen.

Dank dem umsichtigen Vorgehen von General Dufour gelang es 1848, die Schweiz zu einigen und nach dem Krieg eine bis heute andauernde Friedensordnung zu etablieren. Wir dürfen nicht vergessen, dass es in der Schweiz bis 1848 immer wieder zu heftigen Bürgerkriegen gekommen war.

Seine Erfahrungen als General liessen Henri Dufour zum Förderer und zu einem der Gründer des Roten Kreuzes werden. Zusammen mit Henry Dunant gründete Dufour am 17. Februar 1863 das Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundeten-Pflege (das künftige IKRK) und übernahm den Vorsitz. 1864 fand die erste internationale Konferenz statt und im Oktober wurde die erste Genfer Konvention unterzeichnet. Darin verpflichteten sich zwölf europäische Staaten, Dufours Regeln zum Krieg zu übernehmen und die Beteiligten und vor allem auch die Unbeteiligten besser zu schützen.

General Dufour trug dank seiner umsichtigen Kriegsführung entscheidend dazu bei, dass die Schweiz als Nation zusammenfand. Er trug diese humanitären Werte anschliessend in die Welt hinaus.

Was können wir daraus lernen? Ein Land braucht Menschen mit Idealen und Werten. Menschen, die Entscheide treffen, die eine Gemeinschaft, ein Land langfristig vorwärtsbringen und so prägen. Ein Land braucht Führungspersönlichkeiten, die wissen, dass gute Ideen nur dann zum Fliegen kommen, wenn man sie auch der breiten Masse vermitteln kann. Diese Führungspersönlichkeiten müssen wissen, was zu tun ist, um die Welt für uns alle zu einem besseren Ort zu machen. Das hat Guillaume Henri Dufour alles gemacht.

So feiern wir heute 175 Jahre Schweiz. Wir danken aber auch Henri Dufour, ohne den es die Schweiz in ihrer Form kaum gäbe. Er ist ein wahrer Held.

Nicht allen ist es gegeben, wie Dufour zum Helden aufzusteigen. Aber es ist gut zu wissen, dass im entscheidenden Moment immer wieder Menschen da sind, die entscheidende Weichen stellen können. Wie 1848 Henri Dufour.

Ich wünsche allen einen schönen 1. August!

Präsidialdirektion

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