Auf dem Plauderbänkli mit Theodora Leite und Charles Chappuis
An einem sonnigen Frühlingstag haben Theodora Leite und Charles Chappuis auf dem Plauderbänkli in der Friedbühlanlage Platz genommen. Sie sind Mitglied in der Fachkommission für Altersfragen. Charles Chappuis ist pensionierter Geriater, Theodora Leite arbeitet in einer NGO im Bereich Migrationspolitik.
Charles Chappuis, Sie blicken auf über 50 Jahre Kommissionsarbeit zurück. Was hat sich aus Ihrer Sicht in dieser Zeit am stärksten verändert?
Ich wurde 1973 in den «Altersausschuss» des damaligen Altersamt der Stadt Bern gewählt, weil ich als Geriater den Auftrag hatte, im neu gebauten Zieglerspital ein geriatrisches Rehabilitationszentrum aufzubauen. Damals wurden sogenannte Quartierstützpunkte ins Leben gerufen. Sie vereinten Krankenpflege, Hauspflege, Mahlzeitendienst und Quartiersozialarbeit mit Schwerpunkt Alter unter einem Dach. Sie agierten als Ansprechpartner für die Quartierbewohnenden zu den genannten Belangen. Wir vom Zieglerspital hatten gute Kontakte zu diesen Standorten. Im Laufe der Zeit erfolgten von Seiten der Stadtverwaltung sogenannte «zeitangepasste Rationalisierungsveränderungen» und die Quartierstützpunkte in der damaligen Form verschwanden von der Bildfläche. Es scheint mir, dass diejenigen, die heutzutage die entsprechenden Aufgaben innehaben, die betagten Menschen zu wenig kennen und wenig persönliche Beziehungen zu ihnen haben. Man bewegt sich vom Betagten als Person weg, der*die Alte wird hauptsächlich «bewirtschaftet». Das bedaure ich.
Theodora Leite, Sie sind noch wenige Wochen Programmverantwortliche Migrationspolitik bei Frieda, einer feministischen Friedensorganisation. Danach gehen Sie in Pension. Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen und möchten Sie weiterhin einbringen in die Fachkommission für Altersfragen (FKA)?
Es gibt viele Themen, die mir am Herzen liegen und die ich erst recht nach meiner Pensionierung weiterverfolgen möchte in der FKA. Beispielsweise möchte ich die Sichtbarkeit von älteren Menschen mit Migrationshintergrund vergrössern. Sie haben mit ihrer Arbeit viel für das Funktionieren der Gesellschaft geleistet und sollten in dieser Phase des Lebens würdig leben können. Dazu gehören unter anderem ein gleichberechtigter Zugang und eine gleichwertige Qualität von Pflege, Betreuung und Beratung. Des Weiteren ist mir auch das Thema «Rassismus» ein grosses Anliegen: Ich höre von so vielen älteren Migrant*innen, die im Alltag Erfahrungen mit Diskriminierung machen. Das kann die Lebensqualität und das Wohlbefinden dieser Menschen stark beeinträchtigen. Es ist notwendig, die Betroffenen zu befähigen, rassistische Behandlungen zu identifizieren und zu benennen. Damit kann ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstvertrauen gestärkt werden.
Herr Chappuis, auf was Sie besonders stolz, das Sie mit der FKA erreicht haben?
Mein Bemühen war und ist es, in der Kommission in allen Geschäften den alten Menschen als einzelne Person und individuelle Persönlichkeit nicht zu vergessen und nicht zu übergehen, sondern ins eigene Denken, Fühlen und Handeln einzubeziehen.
Frau Leite, was gefällt Ihnen besonders bei der Arbeit für die FKA?
Die Herausforderung! Bei der Umsetzung der Massnahmen aus der Altersstrategie 2025–2029 arbeiten wir mit Multiplikator*innen aus verschiedenen Diaspora-Vereinen und -Organisationen zusammen, alle mit Migrationshintergrund. Sie alle leisten bereits seit Jahren wertvolle Arbeit – mehrheitlich auf freiwilliger Basis – innerhalb ihres Kulturkreises. Ziel ist es, eine gemeinsame, kulturübergreifende Strategie zu entwickeln. Die Herausforderung ist, wie ich finde, alle Gruppen an einen Tisch zu bringen und Synergien zu nutzen sowie den Austausch mit diesen erfahrenen Gruppen zu gestalten. Das fasziniert mich und gefällt mir sehr. Es ist ein Prozess des Kennenlernens, des Vertrauensaufbaus und vieler, vieler Diskussionen.
Herr Chappuis, was würden Sie einem neu gewählten Mitglied mit auf den Weg geben?
Lassen Sie den betagten Menschen, dem Sie - auch in der Kommissionsarbeit - «begegnen» - nie ausser Acht. Denken Sie «vom anderen her».
Frau Leite, gibt es etwas, worauf Sie noch hinweisen möchten wenn vom Alter(n) die Rede ist?
Das Altern ist ein natürlicher Prozess. Wir alle werden älter, sofern wir die Chance dazu haben. Gleichzeitig wird das Alter häufig mit Einschränkung oder Wertverlust verbunden. Dies führt unter anderem zu sozialer Isolation. Hier braucht es dringend sozialpolitische Massnahmen!
